Vision Staat 2040
Wie strategische Vorausschau den Staat resilienter macht
Die Demokratie in Deutschland und Europa steht unter Beschuss – von außen und innen, und sogar von der ehemaligen Schutzmacht USA. Als Reaktion fokussieren sich Staat und Gesellschaft auf den Ausbau von Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit unserer Demokratie. Um diese zu erreichen, ist eine Staatsreform unabdingbar. Aber wie kann Staatsreform gelingen und zu Resilienz beitragen?
Bei Resilienz geht es darum, wie Menschen oder Systeme jeglicher Art Veränderungen absorbieren. In vielen Köpfen löst der Begriff die Vorstellung einer Festungsanlage aus, die Schwachstellen mit dicken Mauern abschirmt und dank Burggraben uneinnehmbar ist. So fühlen sich für manch einen Interaktionen mit der deutschen Verwaltung an. Der deutsche Staat gilt nicht zu Unrecht als starr.
Die heutzutage notwendige Resilienz verlangt aber das Gegenteil: reaktions- und anpassungsfähig zu sein. Im Vergleich zu Staats- und Verwaltungssystemen mit mehr Interpretationsspielraum ist die deutsche Verwaltung darin noch nicht besonders gut. Dies ist ein immer größeres Problem, wenn internationale Regeln und Abmachungen an Geltung verlieren und die Gegner der Demokratie mit ihrer neuen Staatskunst alle subversiven und unkonventionellen Mittel nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen und uns einzuschüchtern.
Wie kann also positive Veränderung gelingen, wenn Spaltungstaktiken und der Druck nach Veränderung Angst machen? Erst einmal klingt Reform und Veränderung nach mehr Aufwand und der Gefahr, den Markenkern zu verlieren, der uns Sicherheit und Wohlstand gebracht hat. Ein Blick in die Psychologie erklärt warum: Stress und Angst kurbeln den „Status Quo Bias” an: die sowieso vorhandene psychologische Tendenz das Gewohnte allem Neuen (und dadurch Unsicherem) vorzuziehen. Wenn unser Gehirn überlastet ist, greifen wir auf unsere Standardeinstellungen zurück; nutzen die Prozesse, die wir am besten kennen, ziehen uns zurück in gewohnte Umfelder, und verlassen uns auf bewährte Routinen. Daraus entsteht das Gefühl, die Kontrolle zurückzuerhalten — und eine Illusion von Stabilität.
Genau hier setzt strategische Vorausschau an – wenn sie verstanden und eingesetzt wird als angewandte Psychologie, um kognitiven Verzerrungen, logischen Fehlschlüssen und lähmender Angst vor Veränderung entgegenzuwirken. Als Gegenstrategie für adaptive Resilienz braucht es einen kompetenten, proaktiven Umgang mit dem Denken über Zukünfte, der Möglichkeitsräume eröffnet und zeigt: Veränderung ist unbedingt nötig und möglich. Der Ansatz verbindet die systemische Ebene des Denkens über Staat und Ordnung mit den Veränderungen, die es auf institutioneller Ebene im Verwaltungshandeln braucht, und macht sich dabei wissenschaftliche Prinzipien der Psychologie zunutze, damit wünschenswerte und realistische Veränderung nicht mehr angstbesetzt ist, sondern positive Selbstwirksamkeit fördert.
Strategische Vorausschau versucht nicht, die Zukunft präzise vorherzusagen, sondern bietet Methoden, um mögliche Zukünfte und Annahmen strukturiert zu analysieren und basierend auf den Schlussfolgerungen bessere Entscheidungen im Hier und Jetzt zu treffen. So können in der Praxis in Staatsreform-Vorhaben beispielsweise gezielt Szenarien entwickelt werden, die weder in die Falle eines (unrealistischen) Wunschdenkens, noch eines lähmenden Fatalismus tappen – sondern im Sinne der kognitiven Umstrukturierung realistische Zukunftsbilder vorstellbar machen. Das hilft, Unsicherheiten klar zu benennen und handhabbarer zu machen.
Zudem können strategische Aspekte von Vorausschau die Selbstwirksamkeit erhöhen, indem der Fokus im Erarbeiten konkreter, realistischer Handlungsoptionen auf beeinflussbaren Herausforderungen und dem eigenen Handlungsspielraum liegen. Das nimmt Menschen die diffuse Angst und damit den Überforderungstaktiken antidemokratischer Akteure den Wind aus den Segeln.
Verwaltungsprinzipien der Vergangenheit sind genauso wenig wie die Automatismen des menschlichen Gehirns dafür gemacht, im 21. Jahrhundert den Unsicherheiten komplexer hybriden Bedrohungen zu begegnen und die Demokratie zu retten. Mit dem Entwickeln von Szenarien und Visionen, sowie Methoden wie “Backcasting” (Rückwärtsplanung) oder Simulationen kann Vorausschau Annahmen offenlegen und überprüfen, blinde Flecken aufzeigen, und zwischen (nicht) wünschenswerten und plausiblen Entwicklungen unterscheiden. Das macht Zukunftsbilder explizit und Zukünfte in all ihrer Unsicherheit greif- und gestaltbar.
Dieser Kommentar wurde erstmals am 12. Februar 2026 von Re:Form veröffentlicht.