Commentary

Europas Annahmen im Ukraine-Krieg gleichen gefährlichen Wetten 

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Angehörige der ukrainischen Luftwaffe.  | Photo: President of Ukraine/flickr (CC0 1.0)
28 May 2026, 
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Handelsblatt

Fragt man im politischen Berlin, Brüssel oder Paris, wie der gegenwärtige Moment relativer russischer Schwäche zugunsten der Ukraine genutzt werden soll, herrscht betretenes Schweigen.

Dabei gäbe es Anlass genug zur Diskussion: Die Ukraine trifft russische Ölinfrastruktur und militärische Ziele immer effektiver, Russlands erste Frühjahrsoffensive versickert ohne erkennbare Ergebnisse, und Kiew erzielt kleine Geländegewinne.

Dass Europa diesen Moment nicht entschiedener nutzt, offenbart sein eigentliches Kalkül: Man hat es sich im Status quo bequem gemacht, weil dieser beherrschbar wirkt – und weil ein in der Ukraine gebundenes Russland für den Rest Europas kurzfristig weniger bedrohlich erscheint.

Die Lage ist deutlich prekärer, als sie scheint

Doch die gegenwärtige Politik ist nicht so vorsichtig, wie sie sich gibt. Statt Kontrolle entstehen vielmehr neue Verwundbarkeiten.

Der Frontverlauf

Das erste Risiko betrifft die weitverbreitete Annahme, die Front sei unwiderruflich eingefroren. Zwar sehen wir momentan einen festgefahrenen Abnutzungskrieg, dieser ist allerdings keineswegs unveränderbar. Er ist das Ergebnis eines technischen Gleichgewichts, in dem Drohnen auf beiden Seiten Vorstöße mit Infanterie und Panzern erschweren.

Jedoch arbeiten beide Seiten unter Hochdruck an wirksamer Drohnenabwehr. Sollte es einer Seite gelingen, diesen Schutz in der Fläche zu entwickeln, könnte der Bewegungskrieg sehr wohl zurückkehren.

Dass die Ukraine bei Drohnen innovativer ist, sollte nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch Russland entwickelt fortlaufend neue Technik, und die Möglichkeit, dass Moskau zuerst über wichtige Innovationen verfügt, offenbart erhebliche Risiken eines Verharrens im Status quo.

Die Wirtschaft

Das zweite Risiko liegt in der Grundannahme, Russland lasse sich wirtschaftlich so weit schwächen, dass Moskau früher oder später an den Verhandlungstisch gezwungen werde.

Nur: Russland ist schlicht zu stark in globalisierte Lieferketten eingebunden, als dass man auf einen zunehmenden Prozess wirtschaftlicher Schwächung vertrauen könnte.

Ein erneuter Gas- oder Ölpreisschock würde das westliche Kalkül ebenso unterlaufen wie eine Entscheidung Chinas, den Verbündeten wirtschaftlich mehr als bisher zu helfen. Die strategische Grundidee Europas, die Ukraine so lange militärisch zu unterstützen, bis Russland unter ökonomischem Druck nachgibt, ist deshalb höchst fraglich.

Die Waffenhilfe

Das dritte Risiko ergibt sich aus der Logik westlicher Waffenlieferungen. Weitreichende Systeme wie Taurus oder Tomahawk wurden der Ukraine mit Verweis auf Eskalationsrisiken verweigert. Das angegriffene Land schließt diese Lücke nun eigenständig, wie die Entwicklung von Systemen wie dem Flamingo-Marschflugkörper exemplarisch zeigt.

Das spricht für die Leistungsfähigkeit der militärisch-industriellen Innovationsbasis der Ukraine. Zugleich bindet dies Ressourcen, die anderswo gebraucht würden, und kostet Entwicklungszeit, die sich in Verlusten niederschlägt.

Der Status quo ist damit deutlich prekärer und kostspieliger, als es auf den ersten Blick scheint. Zur ernüchternden Wahrheit gehört auch, dass er für Europa nur deshalb erträglich ist, weil die härtesten Kosten von der Ukraine getragen werden.

Der Westen muss seine Unterstützung neu ausrichten

Daraus folgt: Die westliche Unterstützung muss neu ausgerichtet werden. Dazu gehört erstens die Lieferung weitreichender Waffensysteme, damit russische Logistik, Militärbasen und Rüstungsindustrie verlässlich unter Druck gesetzt werden.

Zweitens muss Europa die Ukraine dort entlasten, wo es nicht unmittelbar in aktive Kampfhandlungen eingreift. Das gilt für den Schutz des westukrainischen Luftraums gegen russische Drohnen und Raketen. Und es gilt für die Nordgrenze zu Belarus.

Seit Beginn der Vollinvasion bindet die Möglichkeit eines erneuten russischen Vorstoßes aus Belarus Kiews Kräfte, die an anderen Frontabschnitten fehlen.

Eine von der EU geleitete Schutzmission an der ukrainisch-belarussischen Grenze würde Europa nicht direkt in den Krieg hineinführen. Sie würde aber Moskau die Möglichkeit nehmen, durch Drohkulissen immer wieder ukrainische Soldaten zu binden.

Drittens muss Europa russische Energieexporte wirksamer begrenzen – vorwiegend durch eine konsequentere Durchsetzung bestehender Sanktionen und härteren Druck auf die Schattenflotte.

Viertens braucht es eine klarere Prioritätensetzung. Wo Unterstützung für Kiew und der Wiederaufbau eigener Streitkräfte kurzfristig konkurrieren, sollte der Schwerpunkt eindeutig auf der Ukraine liegen. Denn das größte Sicherheitsrisiko für Europa ist nicht die Reform der Bundeswehr, sondern ein russischer Durchbruch in der Ukraine.

Dieser Kommentar erschien erstmals am 28. Mai 2026 im Handelsblatt.