Interview

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit: Panzer allein halten kein Stromnetz am Laufen

Rotmann 2026 Peacebuilding OJ
Ein Mitarbeiter der humanitären Hilfe der EU inspiziert die lebenswichtige Fracht bei ihrer Ankunft in Amman, Jordanien.  | Photo: EU Civil Protection and Humanitarian Aid/flickr (CC BY-NC-ND 2.0)
02 Mar 2026, 
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Tagesspiegel

Herr Rotmann, Sie sind Friedens- und Sicherheitsforscher am Global Public Policy Institute (GPPi). Mittlerweile geben viele OECD-Staaten ein Vielfaches mehr für Verteidigung aus als für Entwicklung und Diplomatie – auch Deutschland. Macht das die Welt sicherer oder unsicherer?
Aufrüstung ist notwendig. Dafür gerade viel Geld auszugeben, ist vollkommen legitim. Aber es droht ein Missverhältnis zwischen Militärausgaben und deutschen Geldern für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe im Ausland. Denn gerade Letztere stärkt unsere Widerstandsfähigkeit gegen nichtmilitärische Bedrohungen. Wir machen uns verwundbar, wenn die Bundesregierung in dem Bereich weiter kürzt.

Wieso das?
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten gesehen, dass unsere Sicherheit, unsere Freiheit und unser Wohlstand nicht nur durch militärische Bedrohungen direkt gefährdet sind. Nicht alle international verwurzelten Probleme, die uns in Deutschland direkt bedrohen, können von einer Armee aufgehalten werden. 

Haben Sie Beispiele?
Da wäre unsere Gesundheit: Globale Pandemien wie Corona haben gezeigt, wie verwundbar wir sind. Impfkampagnen und Vorsorgeprogramme in armen Ländern – oft von Gebern wie Deutschland finanziert – gehören deshalb zu den wirksamsten Instrumenten der Entwicklungspolitik.

Eine klare Sicherheitsbedrohung für Deutschland ist aber auch, von anderen Staaten abhängig zu sein – zum Beispiel in der Energieversorgung oder Ernährung. Der russische Angriff auf die Ukraine führt uns das vor Augen. Und dass die Ukraine nun seit Jahren Widerstand leisten kann, liegt nicht nur an Waffenlieferungen. Es liegt auch an Generatoren, Transformatoren und all den zivilen Hilfen, die die Energieversorgung sichern. Panzer allein halten kein Stromnetz am Laufen.

Wenn wir all diese Dinge immer weiter abbauen, dann schauen wir in ein paar Jahren ganz blöd aus der Wäsche.

Die Budgetkürzung für Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland ist aber nicht vergleichbar mit dem faktischen Tod der US-amerikanischen Entwicklungsorganisation USAID
Nein, aber USAID-Gelder waren auch eine Grundlage für Programme deutscher und europäischer Organisationen. Sogar die Projekte vieler UN-Organisationen hat USAID finanziert. Jetzt müssen sie schleunigst selbst neue Strukturen aufbauen. Die US-Amerikaner haben in vielen Bereichen einen weit überproportionalen Teil der globalen Kosten getragen – zum Teil 40 Prozent.

Deswegen wird die Entscheidung, ihre Nothilfe und Entwicklungspolitik so zurückzufahren, Millionen Menschen das Leben kosten. Wissenschaftliche Schätzungen sprechen von zwischen 9,4 und 22,6 Millionen zusätzlichen und vermeidbaren Toten bis 2030 weltweit. 

Die USA sind hier kein Alleingänger. Weltweit kürzen viele Staaten ihre Budgets für Entwicklungszusammenarbeit.
Wir sehen einen weltweiten Abwärtstrend, außer in einigen wenigen Staaten wie Japan oder Südkorea. Dafür braucht man nicht einmal einen radikalen ideologischen Kreuzzug gegen das internationale System wie den der Maga-Bewegung. Schon die Vorstellung, internationale Beziehungen und Vertrauen brächten keinen Mehrwert fürs eigene Land, genügt. 

Die Briten haben schon 2018 angefangen, massiv zu kürzen, Deutschland 2023. Das hat bei uns auch mit der AfD und ihrer Skandalisierung von Entwicklungsthemen zu tun. Trotzdem erwarten viele Menschen von der Regierung, dass sie den Ärmsten weltweit hilft. Denn gleichzeitig sind viele – bis weit in die politische Mitte hinein – unzufrieden damit, wie Entwicklungshilfe konkret läuft.

Womit genau sind die Menschen unzufrieden? Dass Millionen für Radwege in Peru ausgegeben werden, wie es zum Beispiel Hubert Aiwanger von den Freien Wählern anprangerte?
Nein, das ist zu platt. Und stimmt so natürlich auch gar nicht. Eine große Mehrheit in Deutschland, etwa 70 Prozent, findet, dass Deutschland Menschen in Not helfen, Menschenrechte stärken und Demokratie fördern sollte. Das belegen verschiedene Meinungsumfragen. Ebenso viele erwarten, dass dieses Engagement auch deutschen Interessen und der Wirtschaft dient. Altruismus und nationales Interesse gehen hier Hand in Hand. Etwa 80 Prozent der Befragten sagen, man könne stolz darauf sein, dass Deutschland im Ausland unterstützt.

Wir fragten aber nach der Unzufriedenheit …
Die entsteht an einem anderen Punkt: Viele haben das Gefühl, dass unser Engagement nicht wirksam genug ist, und zweifeln daran, dass unsere Unterstützung tatsächlich bei der armen Bevölkerung vor Ort ankommt. Alles sei zu kompliziert und bürokratisch.

Ist da denn was dran?
Nein, es gibt ganz klare Erfolge. Es geht immer effizienter, das gilt jedoch auch bei uns zu Hause. Aber es wurde schon viel erreicht: Die Kindersterblichkeit wurde zum Beispiel seit dem Jahr 2000 halbiert. Die Müttersterblichkeit ist im gleichen Zeitraum um über ein Drittel gesunken. Polio, auch bekannt als Kinderlähmung, wurde fast ausgerottet. Das sind große Erfolge. Zugleich wurde vergangenen November in Hamburg erstmals seit Jahrzehnten wieder das Polio-Virus im Abwasser gefunden. Das zeigt, wie verbunden wir sind – und, dass diese Erfolge in Gefahr sind.

Und wie dient jetzt deutsches Engagement im Ausland konkret den deutschen Interessen?
Die Verteidigung der Ukraine schützt uns auch ganz direkt vor Russland. Mit Entwicklungszusammenarbeit können wir neue Pandemien und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten auch nach Deutschland verhindern. Klimaveränderungen, deren Folgen wir später teuer bezahlen müssten, federn wir ab. Auch Zugänge zu Märkten und Rohstoffen lassen sich damit eröffnen. 

Außerdem stärken wir unsere Soft Power: Wenn die Länder des globalen Südens zum Schluss kommen, dass Deutschland ein verlässlicher Partner bei ihren Sorgen um Entwicklung und Sicherheit ist, dann unterstützen sie auch mal Deutschland in internationalen Verhandlungen, zum Beispiel in den Vereinten Nationen und in Fragen des internationalen Handelssystems.

Europa braucht Unterstützung aus Afrika?
Viele Staaten in Afrika können sich heute aussuchen, mit wem sie bei welchem Thema zusammenarbeiten: mit China, mit den USA, mit Europa. Wenn wir also Unterstützung und Partnerschaften wollen, müssen wir Angebote machen, die wirtschaftlich und politisch überzeugen. Dazu gehört auch Entwicklungszusammenarbeit, die wirklich dabei hilft, Jobs zu schaffen, Infrastruktur zu verbessern und Länder voranzubringen. Nur dann bleiben wir ein attraktiver Partner.

Europas Gewicht auf der Weltbühne nimmt ab, wirtschaftlich und demografisch. Wir können in den nächsten Jahren alle Partner und Freunde benötigen, die wir bekommen können. Die zu vergraulen, indem wir ihre Prioritäten ignorieren, ist keine gute Idee. China zeigt ja, wie das läuft. 

Was machen die denn besser?
Das Land ist heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und zahlt in manchen UN-Organisationen rund ein Fünftel des Budgets. Damit wächst auch der Einfluss. Und den nutzt Peking strategisch – etwa als in der Weltgesundheitsorganisation eine konsequente Aufarbeitung der Coronapandemie ausgebremst wurde. Gleichzeitig haben viele afrikanische Länder gemerkt: Auch chinesische Angebote kommen nicht ohne Bedingungen und Nachteile.

Für viele Deutsche scheint auch Migrationspolitik ein sicherheitspolitisches Problem zu sein. Ein Thema für die Entwicklungszusammenarbeit?
Wenn Deutschland möchte, dass weniger Menschen nach Europa kommen, müssen nicht Menschen, sondern Fluchtursachen bekämpft werden. Der Klimawandel macht immer mehr Teile der Welt unbewohnbar, etwa in der Sahelzone. Wenn wir den Klimawandel zumindest halbwegs verlangsamen, können sie länger dort leben. 

Und dann?
Außerdem sollte uns der Bereich Gesundheit am Herzen liegen. Denn je mehr wir mit Entwicklungsprojekten gegen Pandemien kämpfen und dafür sorgen, dass selbst in den ärmsten Ländern grundlegende Impfungen durchgeführt werden, desto besser ist es auch für uns. 

Und darüber hinaus können humanitäre Mittel helfen, regionale Instabilitäten zu bekämpfen. Der nigerianische Staat konnte sich etwa gut gegen die Terrorgruppe Boko Haram behaupten, weil er dank internationaler Entwicklungsgelder nicht allein gelassen worden ist. Auch Deutschland sorgte dort für eine bessere Gesundheitsversorgung und dafür, dass Mädchen in die Schule gehen dürfen. Daraus entstehen wirtschaftlich größere Chancen für die Gesamtbevölkerung und ein Vertrauen der Bevölkerung in den nigerianischen Staat selbst. 

Das sind vielleicht schöne Maßnahmen in guten Zeiten. Doch die deutsche Wirtschaft schwächelt, einige Deutsche können sich vieles nicht mehr leisten. Ist jetzt die Zeit, hunderte Millionen ins Ausland zu schicken?
Ja, Entwicklungszusammenarbeit und Sicherheitspolitik müssen effizienter werden. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen wir sie gezielter gestalten, damit sie besser unseren Interessen dienen und wir unserer Verantwortung gerecht werden. Aber: Andere Länder zu unterstützen, kann die Exporte der deutschen Wirtschaft steigern. 

Wie können wir unsere Entwicklungspolitik weiterentwickeln? Aus welchen Fehlern sollten wir lernen?
Wir müssen aus Afghanistan und aus Mali lernen: Es ist nicht entscheidend, was wir gerne hätten, sondern es kommt zuallererst darauf an, was die Politik vor Ort will und wofür sie in ihrem Land Unterstützung findet. Die damalige Regierung in Mali hatte gar nicht den Anspruch, den instabilen Norden des Landes tatsächlich zu regieren. Deutschland konnte mit ihr nicht zusammenarbeiten, um ihre Verwaltung und Versorgung der Menschen vor Ort zu verbessern.

Kann man mit Entwicklungszusammenarbeit Kriege gewinnen oder verhindern?
Dann, wenn zumindest ein guter Teil der Machthaber vor Ort das auch will. Gut koordinierte internationale Entwicklungszusammenarbeit kann Vertrauen in den Staat aufbauen. Der ist entscheidend, um neue Gewalt zu vermeiden oder nach einem Krieg einen dauerhaften Frieden zu ermöglichen. Zum Beispiel in Syrien, wo die neue Regierung die Möglichkeit hat, das Land geeint in eine friedliche Zukunft zu führen. Dass Assad überhaupt gestürzt worden ist, ist auch darauf zurückzuführen, dass westliche Unterstützung jahrelang geholfen hat, dass Menschen, die vor dem Regime in den Norden des Landes geflohen waren, halbwegs in Sicherheit überleben konnten.

Westliche Entwicklungszusammenarbeit bedeutet also, einen Regime-Change zu ermöglichen?
Natürlich nicht. Westliche Gelder zur Versorgung der Binnenvertriebenen und der regimekritischen Bevölkerung haben moderate Kräfte in Syrien am Leben gehalten. Die radikale Miliz HTS, die sich später an die Spitze der Anti-Assad-Kräfte gesetzt hat, hat ihre Gelder aus anderen Quellen bekommen. Am Ende stürzten eben diese radikalen Kräfte Assad und erfinden sich seitdem als moderatere, staatstragende Regierung neu. Aber wenn es gar keinen Raum für Entwicklungsarbeit gegeben hätte, dann hätte sich eben keine der verschiedenen Anti-Assad-Kräfte so lange halten können. Währenddessen gab es in den syrischen Oppositionsgebieten etwa Schulbildung und Gesundheitsversorgung.

In Gaza finanziert Deutschland zurzeit Wasseraufbereitungsanlagen, außenpolitisch steht Deutschland klar an der Seite Israels. Kann Entwicklungspolitik neutral sein?
Entwicklung, also wie es weitergeht in einem Land, ist immer politisch. In Gaza leistet Deutschland humanitäre Hilfe, um das massive Leid zu lindern, und könnte sich am Wiederaufbau beteiligen, wenn die politischen Voraussetzungen stimmen. Das ist auch kein Widerspruch zur Verantwortung für Israel, denn ein dauerhaft stabiles Gaza ist auch im israelischen Interesse.

Dieses Interview wurde ursprünglich am 2. März 2026 vom Tagesspiegel veröffentlicht.