Ein Wettlauf um die Wärme
Die Bilder aus der Ukraine in diesen Tagen sind verheerend. Nach russischen Angriffen liegen Städte im Dunkeln, Zehntausende Wohnungen bleiben kalt, und Krankenhäuser laufen im Notbetrieb – bei Temperaturen bis zu minus 15 Grad. Die Empörung über die Brutalität dieser Kriegsführung ist richtig. Und doch gehört zur Wahrheit auch: Ein Teil dieser humanitären Not war absehbar und hätte durch entschlosseneres Handeln der Partnerstaaten gemildert werden können.
Seit 2022 liefern sich Russland und die Ukraine ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Ukraine versucht, Energieinfrastruktur zu schützen und Ausfälle zu managen; Russland arbeitet systematisch daran, diesen Schutz durch technische Innovation, taktische Anpassung und Angriffsmassierung zu unterlaufen. Dass die Ukraine im vierten Jahr der Vollinvasion ihren bislang härtesten Winter erlebt, zeigt, wer diesen Wettlauf derzeit gewinnt. Wie konnte das passieren?
Auf ukrainischer Seite entscheiden in diesem Wettlauf vor allem zwei Variablen. Erstens die Effektivität der Flugabwehr: nicht nur die Zahl der Systeme, sondern Munition, Wartung, Ersatzteile, Ausbildung und Führung. Zweitens die Resilienz des Energiesystems: Härtung kritischer Knotenpunkte, vorausschauende Ersatzlogistik, dezentrale Erzeugung und Speicher sowie Reparaturketten, die auch unter Druck funktionieren. Beides hat der Westen im vergangenen Jahr nicht in der nötigen Geschwindigkeit und Größenordnung verstärkt und Moskau damit in die Karten gespielt.
In diesem Winter zeigt sich das besonders drastisch in der ukrainischen Flugabwehr. Sie ist deutlich weniger erfolgreich als in den ersten Kriegswintern. In den ersten beiden Januarwochen 2026 wurden nach Auswertung der ukrainischen Luftwaffe nur 36 Prozent der russischen Raketen abgefangen, während der Durchschnitt seit Oktober 2022 bei rund 60 Prozent lag. Natürlich hat Russland seine Taktik verbessert.
So setzt es derzeit mehr auf kombinierte Angriffssalven, mehr ballistische Raketen, mehr Variation der Flugprofile und vor allem schiere Quantität. 2025 registrierte der Air-War-Monitor mit rund 56 700 mehr als viermal so viele Luftangriffe wie 2024.
Doch genau deshalb ist die westliche Unterstützungspolitik so schwer zu verteidigen: Wir wissen, dass der Gegner lernt und skaliert, aber wir stärken unsere Hilfe nicht im gleichen Maße.
Der engste Flaschenhals ist die teure und knappe Munition der Flugabwehr. Selenskyj hat Mitte Januar ungewöhnlich offen eingeräumt, dass einige westliche Systeme zeitweise gänzlich ohne Munition dastanden. Das liegt insbesondere an den nach wie vor knappen industriellen Kapazitäten zur Produktion dieser komplexen Hightech-Flugkörper.
Und selbst wo Munition vorhanden ist, greift ein zweiter Engpass: die Abwägung zwischen eigener Reserve und ukrainischem Bedarf. Kalte Wohnungen in ukrainischen Plattenbauten sind dieses Jahr auch eine indirekte Folge dieser Entscheidungen.
Die zweite Variable, auf die der Westen unmittelbaren Einfluss hat, ist die Resilienz der ukrainischen Energienetze. Allein für priorisierte Schutz‑, Ersatz- und Reparaturmaßnahmen klaffte im Januar 2026 im „Ukraine Energy Support Fund“ erneut eine Lücke von 387 Millionen Euro. Der Finanzierungsbedarf ist nicht nur mit Blick auf die Instandsetzung zerstörter Infrastruktur, sondern auch präventiv massiv: Wer Systeme künftig besser schützen will, muss sie durch Bunker härten, Redundanzen schaffen und kritische Großkomponenten vorhalten. Gerade Transformatoren sind global knapp und haben lange Lieferzeiten. Europa hat zwar Bestände und Hilfsmechanismen, aber keine ausreichend dimensionierte, dedizierte Reserve für die Ukraine.
Die Dramatik, mit der sich die humanitäre Krise in der Ukraine derzeit entfaltet, unterstreicht die Notwendigkeit einer Kurskorrektur. Erstens müssen Finanzierungsengpässe bei der Energiesicherheit schnellstmöglich und nachhaltig beendet und Reserven kritischer Komponenten geschaffen werden. Zweitens müssen wir in der Munitionsfrage die Abwägung zwischen Eigenreserve und Lieferung überprüfen – zumindest, solange es keine drastische Steigerung der Produktion gibt. Auch wenn die eigene Unterversorgung ebenfalls ein Risiko ist, bleibt Europas größte Verwundbarkeit ein russischer Erfolg in der Ukraine. Drittens müssen wir ukrainischen Fähigkeiten stärken, Russlands militärische Infrastruktur zu schwächen, welche Luftangriffe ermöglicht. Viertens brauchen wir ein Ende der selbstauferlegten Denkverbote. Wenn das Problem die Überlastung der ukrainischen Flugabwehr ist, dann ist die naheliegende Frage: warum entlasten wir sie nicht dort, wo es rechtlich und operativ möglich ist? Etwa indem EU-Anrainer angrenzende Teile des westukrainischen Luftraums schützen. Die russische Luftwaffe traut sich bereits seit Jahren nicht mehr in den westukrainischen Luftraum. Die Angst, wir müssten dort einen russischen Piloten abschießen, ist deshalb höchstens hypothetisch.
So schmerzhaft der Gedanke ist: der nächste Kriegswinter wird mit großer Wahrscheinlichkeit kommen. Europa kann dazu beitragen, dass die ukrainische Bevölkerung diesen besser übersteht, wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.