Der Kampf zwischen Washington und Peking um die KI-Dominanz beginnt gerade erst
Vergangene Woche positionierte Staats- und Parteichef Xi Jinping China als Treiber der Offenheit bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI). Er forderte in einer Grundsatzrede: „Wir sollten diese seltene, historische Chance ergreifen, um Open Source, Offenheit, Zusammenarbeit und Teilen zu fördern.“ Fast zeitgleich veröffentlichte die chinesische Firma Moonshot AI ihr neues „Open Weight“-Modell Kimi K3, das in der Leistungsfähigkeit erstmals nur knapp hinter den Top-US-Modellen von Anthropic und Open AI zu liegen scheint.
Leistungsstarke offene Modelle wie Kimi sind ein fundamentaler Angriff auf das Geschäftsmodell der großen amerikanischen KI-Labore. Diese verschulden sich in Milliardenhöhe, um geschlossene Modelle zu entwickeln, zu denen sie den Zugang im Abonnement verkaufen. Bei offenen Modellen sind die finalen, trainierten Parameter (die „Weights“) transparent. Nutzer können diese Modelle frei herunterladen zur eigenen Ausführung.
Die Bezeichnung „open source“ ist allerdings irreführend, da der zugrundeliegende Trainingscode und die Trainingsdaten typischerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Nutzer müssen selbst für die Recheninfrastruktur sorgen, auf der sie die Modelle laufen lassen. Bei komplexen Modellen wie Kimi K3 ist Zugang zu umfangreicher Rechenleistung Grundvoraussetzung. Dennoch ist die Nutzung typischerweise ein Vielfaches günstiger als die Abonnements der US-Top-Modelle, insbesondere seitdem diese von Flatrate auf nutzungsabhängige Abrechnung umgestiegen sind.
Dies begünstigt den Siegeszug chinesischer Modelle. Ende 2024 machten chinesische Modelle ein Prozent der globalen KI-Arbeitsleistung aus. Bis Ende 2025 stieg diese Zahl auf 30 Prozent – mit weiter stark zunehmender Tendenz. Unternehmen wie Siemens und Airbnb nutzen verstärkt chinesische offene Modelle. All dies setzt Anthropic und OpenAI vor den in diesem Jahr geplanten Börsengängen unter Druck.
Wie jedes Modell können chinesische Modelle Schwachstellen und bewusst eingebaute Hintertüren enthalten. Wenn Firmen und andere Nutzer ohne hochqualifizierte externe Überprüfung ihre Anwendungen darauf aufbauen, setzen sie sich diesen Schwachstellen und Hintertüren aus. Gleichzeitig übernehmen sie die Einstellungen der Modelle mit Blick auf „erlaubte“ Sprache und Vorurteile.
Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit chinesische Modelle ihre Leistungsstärke auf Kopien („Destillation“) von Top-US-Modellen bauen. OpenAI und Anthropic haben dafür in den letzten Monaten Indizien öffentlich gemacht.
Die USA werden sich wehren
Bislang hat die US-Regierung die Verwendung chinesischer Modelle in keiner Weise eingeschränkt. Doch das wird in naher Zukunft höchstwahrscheinlich geschehen. US-Finanzminister Bessent sagte diese Woche: „Diese Regierung unterstützt Open-Source-Modelle, aber nicht den Diebstahl geistigen Eigentums. Wenn wir sehen, dass insbesondere ausländische Modelle unsere großartigen Unternehmen bestehlen, haben wir die Möglichkeit, sie zu sanktionieren.“
Sanktionen gegen chinesische KI-Unternehmen sind somit denkbar. Gleichzeitig müssten, so Bessent, Unternehmen, die chinesische Modelle nutzten, damit rechnen, dies ihren Kunden gegenüber offenlegen zu müssen: „Man kann keine gefälschten Produkte verwenden.“ Bei alledem besteht die Gefahr, dass die Trump-Regierung durch unkoordiniertes Ad-hoc-Vorgehen einen hohen Grad an regulatorischer Unsicherheit schafft. Jedes deutsche Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen zu den USA wird davon betroffen sein.
Global werden die USA unter den gegenwärtigen Bedingungen nur umfassend wettbewerbsfähig sein, wenn US-Unternehmen auch eigene offene Modelle anbieten und dies dann mit Angeboten zum Ausbau von knapper Rechenkapazität verbinden. Jüngst veröffentlichte das US-Unternehmen Thinking Machines Lab mit Inkling ein sparsames offenes Modell, das teilweise auf Destillation führender chinesischer Modelle basiert.
Die Sicherheitsfrage ist offen
Über alledem schwebt eine übergeordnete Sicherheitsfrage. Einerseits schaffen offene Modelle dringend benötigten Wettbewerb und bieten Alternativen zu den geschlossenen Top-US-Modellen. Andererseits können immer leistungsfähigere offene Modelle ein Sicherheitsrisiko sein, weil Kriminelle sowie feindliche Regime sie ohne Schranken für Cyberangriffe oder Bioterrorismus nutzen könnten. Einmal in der Welt, lässt sich ein offenes Modell nicht mehr einfangen.
Es ist alles andere als ausgemacht, dass die Kontrolle und Sicherheit über alles stellende chinesische Führung nicht bald Einschränkungen gegenüber offenen Modellen verhängen wird. Vereinbarungen zwischen den USA und China und anderen wichtigen Staaten zu gemeinsamen KI-Sicherheitsstandards sind dringender denn je.
Diese Woche wurde bekannt, dass ein KI-Agent von OpenAI eigenständig aus seiner Testumgebung ausgebrochen ist und sich geheime Informationen der führenden KI-Plattform Hugging Face verschafft hat, die sich ironischerweise mithilfe eines offenen chinesischen Modells verteidigte. Um international mitreden zu können und kluge eigene Entscheidungen zu treffen, braucht Deutschland schnell ein maximal leistungsfähiges KI-Sicherheitsinstitut. Der Bundeskanzler sollte es deshalb zur Chefsache machen, eine internationale Kapazität als Leiter oder Leiterin zu gewinnen.
Es ist alles andere als ausgemacht, dass die Kontrolle und Sicherheit über alles stellende chinesische Führung nicht bald Einschränkungen gegenüber offenen Modellen verhängen wird. Vereinbarungen zwischen den USA und China und anderen wichtigen Staaten zu gemeinsamen KI-Sicherheitsstandards sind dringender denn je.
Diese Woche wurde bekannt, dass ein KI-Agent von OpenAI eigenständig aus seiner Testumgebung ausgebrochen ist und sich geheime Informationen der führenden KI-Plattform Hugging Face verschafft hat, die sich ironischerweise mithilfe eines offenen chinesischen Modells verteidigte. Um international mitreden zu können und kluge eigene Entscheidungen zu treffen, braucht Deutschland schnell ein maximal leistungsfähiges KI-Sicherheitsinstitut. Der Bundeskanzler sollte es deshalb zur Chefsache machen, eine internationale Kapazität als Leiter oder Leiterin zu gewinnen.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 23. Juli 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.