Commentary

Europäische KI-Souveränität: Warum der Weg über die USA führt

Benner 2026 ECAI Policy OJ
Henna Virkkunen, the Executive Vice-President for the European Commission's "Tech Sovereignty, Security and Democracy" group, is presenting her vision on the EU's tech sovereignty in June of 2026.  | Photo: Emilie Gomez/European Parliament (Creative Commons
22 Jul 2026, 
published in
Neue Zürcher Zeitung

Die US-Regierung hat die Exportkontrollen bei den fortschrittlichsten Anthropic-Modellen, Mythos 5 und Fable 5, aufgehoben. Auch wenn diese jetzt in Europa bald wieder verfügbar sind, ist das kein Grund zur Entwarnung. Im Gegenteil: Die US-Regierung kann solche Beschränkungen jederzeit wieder verhängen.

Neben Sicherheitsbedenken bei den neuesten Modellen macht auch die wachsende Knappheit an KI-Rechenleistung politische Eingriffe zur Bevorzugung von amerikanischen Nutzern nicht unwahrscheinlich. Derzeit hat Europa keine Strategie, um sich verlässlich den Zugang zu sichern, und läuft Gefahr, von den fortschrittlichsten Fähigkeiten abgekoppelt zu sein – mit möglicherweise verheerenden Folgen für Sicherheit und Wohlstand.

Den Zugang sichern

Das «Europe 2031»-Szenario führender europäischer KI-Forscher und ‑Investoren beschreibt ein solches Zukunftsbild überzeugend. Leider vertritt die prominenteste Initiative für grössere europäische Unabhängigkeit, die Eurostack-Initiative, einen Ansatz, der zugleich unrealistisch und nicht ambitioniert genug ist, um mit der Möglichkeit einer bald verfügbaren selbstlernenden künstlichen Superintelligenz umzugehen («Powerful AI» in den Worten des Anthropic-Gründers Dario Amodei).

Es besteht die reale Gefahr, dass dieser Ansatz ein noch stärker abgehängtes und weniger selbstbestimmtes Europa zur Folge hat. Paradoxerweise ist der realistischste Weg zu grösserer europäischer Handlungsfähigkeit derjenige, verlässliche Beziehungen zu den führenden amerikanischen Unternehmen aufzubauen, gleichzeitig auf europäische Stärken in der industriellen KI zu setzen, Wetten auf alternative Technologiepfade abzuschliessen und gemeinsam mit anderen Mittelmächten Verhandlungsmacht aufzubauen.

Jede europäische KI-Strategie muss tiefgreifende Unsicherheit über künftige Technologieentwicklung berücksichtigen. Es ist möglich, dass KI-Fortschritte im derzeitigen Skalierungsansatz für Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) ins Stocken geraten und einige der führenden KI-Labore sogar kollabieren. Damit könnte Europa gut umgehen. Doch die EU muss sich vor allem auf die schwierigsten möglichen Zukünfte vorbereiten.

Wenn die gigantische finanzielle Wette auf das gegenwärtige Paradigma aufgeht (allein 2026 werden fast 700 Milliarden Dollar investiert) und «Powerful AI» in den kommenden Jahren realisiert werden kann, ist es unabdingbar, dass sich Europa Zugang zu den führenden amerikanischen Modellen sichert. Selbst ein geringfügig schwächeres Modell könnte der Aufgabe, kritische Cyber- und Sicherheitsrisiken abzuwehren, nicht gewachsen sein.

Mit der Veröffentlichung von Mythos 5 haben wir einen Vorgeschmack auf dieses Szenario erhalten. Die Lehre für Europäer muss lauten: Die fortschrittlichste KI-Regulierung nützt nichts zum Schutz vor solchen Risiken, wenn kein Zugang zu den fortschrittlichsten Modellen besteht.

Der Eurostack-Ansatz leistet wenig bis gar nichts, um mit dieser möglichen Zukunft umzugehen. Mit dem Motto «Kaufe europäisch. Verkaufe europäisch. Finanziere europäisch» will er europäische Anbieter fördern, die öffentliche Beschaffung als zentraler Hebel. Die Initiative baut auf einer grotesken Überschätzung der Fähigkeiten der EU auf: Sie weist die Charakterisierung als Mittelmacht zurück und behauptet, die EU sei eine «Supermacht» und KI der «ultimative Eurostack-Anwendungsfall».

Die Realität sieht anders aus. Europas bestes LLM, Mistral, rangiert derzeit weit hinter den amerikanischen Frontier-Modellen (und auch hinter den chinesischen). Selbst bei maximaler Kapitalmobilisierung ist es unwahrscheinlich, dass Mistral die Lücke schliessen könnte; Musk und Zuckerberg sind bisher trotz schwindelerregenden Ressourcen daran gescheitert.

Mangelnde Rechenleistung

Eurostack-Befürworter räumen ein, Europa werde keine grossen Frontier-Modelle bauen, aber «Modelle, die ein paar Schritte zurückliegen und nützlich sein werden». Das klingt noch optimistisch, da europäische Labore anfällig dafür wären, von amerikanischer Hardware- und Recheninfrastruktur abgeschnitten zu werden – es sei denn, Europa baut gleichzeitig einen Frontier-Chip-Designer auf und verändert seinen Ansatz bei Rechenzentren grundlegend.

Europa verfügt derzeit über nur 5 Prozent der weltweiten Rechenleistung und fällt weiter zurück. Öffentliche Investitionen in KI-Gigafabriken erlitten Verzögerungen und schleppen sich mit mageren EU-Mitteln dahin, während europäische Industrieakteure grösseres Potenzial in rechenarmen Ansätzen für angewandte KI sehen. Das ist eine plausible Wette, die in Europas Strategie einfliessen muss, lässt Europa jedoch gefährlich exponiert, falls die LLM-Skalierung weiterläuft.

Bei einem europäischen Fast-Follower-Modell stellt sich zudem die entscheidende Frage, wie nützlich es wirklich sein wird, wenn es darauf ankommt. Gleiches gilt für bislang frei verfügbare chinesische Open-Weight-Modelle.

Anstatt auf KI-Supermacht-Illusionen zu setzen, sollte Europa seine Rolle als Mittelmacht annehmen: eigene Stärken aus- und gemeinsam mit anderen Mittelmächten Verhandlungsmacht aufbauen. Ziel sollte sein, die Kosten für die USA zu erhöhen, Europa den Zugang zu den fortschrittlichsten Modellen zu verweigern und die Anreize für amerikanische Unternehmen zu steigern, sich für europäischen Zugang einzusetzen.

Wichtig dafür ist, die strategische Unentbehrlichkeit Europas im globalen KI-Ökosystem zu festigen. Europa verfügt bereits über echte Stärken, etwa ASML-Lithografiemaschinen (mit zentraler Rolle der deutschen Unternehmen Zeiss und Trumpf), ohne die keine Hochleistungschips hergestellt werden können, oder Siemens-Energy-Gasturbinen, ohne die eine rasche Rechenzentrumsexpansion in den USA kaum möglich ist.

Ein wesentlicher Grund, warum diese schwer als Hebel einzusetzen sind, ist Europas existenzielle militärische Abhängigkeit von den USA – ein weiterer Grund, diese schnellstmöglich zu verringern.

Gegenüber den USA muss Europa Machthebel aufbauen und Strategien mit gleichgesinnten Mittelmächten koordinieren: dem Vereinigten Königreich, Kanada, Indien, Japan und Südkorea. Diese Zusammenarbeit kann Mittelmächte gegenüber beiden KI-Grossmächten USA und China stärken, auch im Hinblick auf dringend benötigte internationale Abkommen zu katastrophalen KI-Risiken. Sie kann ausserdem helfen, Ressourcen und Fähigkeiten zu bündeln, etwa beim Aufbau staatlicher Kapazitäten – das britische KI-Sicherheitsinstitut bietet hier ein Modell, dem auch Deutschland nun folgen will.

Zur Erweiterung europäischer Rechenkapazitäten können öffentlich finanzierte Gigafabriken einen Grundbedarf decken, doch die Ermöglichung privater Investitionen wird entscheidend sein. Wie eine neue Carnegie-Studie zeigt, sind schnelle Genehmigungsverfahren und zügige Netzanschlüsse der wichtigste Faktor dabei.

Investitionen sollten aus Europa selbst kommen (wie beispielsweise von der Schwarz-Gruppe), von Partnern wie Japan (etwa Softbanks jüngste 75-Milliarden-Euro-Investition in Frankreich), aber auch von den USA als zentralem Bestandteil des Mixes. Europa sollte amerikanische Hyperscaler, die zu Hause auf wachsenden öffentlichen Widerstand stossen, einladen, hier Rechenzentren zu bauen – die Unternehmen hätten dann jeden Anreiz, sich für den europäischen Modellzugang einzusetzen.

Die Einbindung von amerikanischen Investoren verringert zudem das europäische Risiko angesichts unsicherer Renditen für die massiven Investitionen in Rechenleistung. Der beim Carnegie Endowment for International Peace in Washington arbeitende deutsche Forscher Anton Leicht hat hierfür den Abschluss von Vereinbarungen für den Zugang zu KI-Spitzenmodellen und den Ausbau von Rechenleistung in Europa vorgeschlagen.

Europäisches Kapital mobilisieren

Schliesslich muss Europa seine industriellen Stärken bewahren und neu erfinden – um Machthebel aufzubauen und einen grösseren Anteil an der KI-Wertschöpfung zu erreichen. Die europäische Politik sollte sich auf Bereiche mit plausiblen Wettbewerbsvorteilen konzentrieren, wie industrielle KI und Robotik, die eng mit alternativen Paradigmen wie Weltmodellen und «embodied learning loops» verknüpft sind und «leapfrogging» (das Überspringen veralteter Entwicklungsphasen oder Produktversionen) ermöglichen könnten. Dafür muss europäische Regulierung die Führerschaft in der industriellen KI unterstützen statt behindern – positiv, dass die EU ihre AI Act entsprechend angepasst hat; Gleiches muss für Industriedaten in der EU Data Act folgen.

Um seine industrielle Basis zu nutzen, muss Europa einen Ausverkauf industrieller Daten und Innovationen an ausländische Käufer verhindern. Das erfordert eine Mobilisierung europäischen Kapitals in grossem Massstab, auch durch Kapitalmarktintegration und Rentenreform. Berechenbare, regelbasierte Politik wird zunehmend zum Standortvorteil, doch Europa muss auch einen vielversprechenderen Heimatmarkt schaffen, durch tiefere Binnenmarktintegration für Dienstleistungen und einen lösungsorientierten Ansatz beim Risikomanagement.

Auf den ersten Blick mag dieser Ansatz weniger glamourös wirken als die grossen Versprechen vollständiger europäischer Unabhängigkeit. Doch er ist der weitaus realistischere Weg zur Sicherung europäischer Souveränität – im Sinne von Europas Fähigkeit, seine Sicherheit und seinen Wohlstand zu verteidigen.

Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 21. Juli 2026 von der NZZ veröffentlicht.