Interview

„Im Veteranenverein gibt es keinen Wickeltisch“

Friedrich 2022 Interview Ukraine Frauen
Source: spoilt.exile / Flickr
09 Aug 2022, 
published in
Tagesspiegel

Frau Friedrich, medial ist der Ukrainekrieg in Deutschland sehr männlich konnotiert: Selenskyj als Soldatenpräsident, seine Frau auf dem Vogue-Cover. Ukrainische Männer dürfen nicht ausreisen, Frauen mit Kindern kommen in Berlin an. Sie zeichnen ein etwas anderes Bild…
Tatsächlich ist unser Bild vom Geschlechterverhältnis im Ukrainekrieg sehr traditionell. Der heilige Krieger und die schöne Seele an seiner Seite. Das ist aber nicht repräsentativ dafür, wie die ukrainische Armee vor Februar 2022 funktioniert hat. Frauen haben vor der russischen Invasion circa 23 Prozent aller Funktionen – inklusive ziviler – erfüllt, ihr Anteil an den Streitkräften betrug 15,5 Prozent. Schon nach dem Beginn des Konflikts 2014 gab es zahlreiche Kämpfer:innen, die sich freiwillig gemeldet haben. Ein Drittel davon waren Frauen. Wer helfen wollte, konnte an die Front. Da gab es zum Beispiel erstmals Scharfschützinnen. Durch die Generalmobilmachung der Männer im Februar hat sich das Verhältnis wieder etwas verschoben. Heute sind ungefähr zehn Prozent der Streitkräfte weiblich.

Wie viele davon nehmen derzeit aktiv an Kampfhandlungen teil?
Heute sind relativ wenige aktive Kämpferinnen an der Front. Die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin geht von mehr als 5000 Frauen aus.

Ein Zeichen dafür, dass die Integration von Frauen in den ukrainischen Streitkräften noch am Anfang steht?
Bis 2018 durften ukrainische Frauen auf Grund ihrer reproduktiven Funktion“ in der Gesellschaft gar nicht alle Positionen in der Armee bekleiden. Das war noch ein sowjetisches Erbe. Deshalb bekamen Freiwillige bei ihrer Rückkehr 2014/​2015 nur einen Veteranenstatus als Näherin oder Köchin, selbst wenn sie Scharfschützinnen waren – denn rechtlich durften sie nicht kämpfen. Umfragen zufolge ist es immer noch oft so, dass Frauen an der Waffe um Akzeptanz in den Streitkräften kämpfen müssen. Es ist wie in Deutschland auch: Männlich geprägte Strukturen verändern sich nur langsam.

Welche konkreten Probleme bringt das für Kämpferinnen mit sich?
Erst kürzlich hat das ukrainische Verteidigungsministerium den Auftrag erteilt, passende Uniformen für Frauen zu schneidern. Bisher mussten sie männliche Kleidung tragen. Auch kugelsichere Westen sind in der Regel nicht auf sie zugeschnitten. Ein großes Problem ist auch die sanitäre Situation. Viele Frauen hatten nach ihrer Demobilisierung gesundheitliche Probleme im reproduktiven Bereich. In einem Schützengraben ist es häufig nass und kalt. Die meisten Militärärzte sind aber nicht für den Umgang mit Blasenentzündungen ausgestattet.

Kommt es neben der strukturellen Diskriminierung auch zu sexueller Belästigung oder Übergriffen?
Dazu werden keine offiziellen Daten erhoben, was ein großes Problem ist. Es gibt eine ausführliche Studie dazu, aber keine repräsentativen Zahlen. 

In Deutschland haben viele den Eindruck, dass die ukrainische Gesellschaft patriarchaler ist als unsere. Ist es durch den russischen Angriffskrieg zu einem Emanzipationsschub gekommen?
Zunächst muss man differenzieren was mit patriarchaler“ gemeint ist. Das stimmt nicht in jedem Bereich. In der Ukraine ist es zum Beispiel schon länger üblich, dass Frauen arbeiten und Kinderbetreuung organisiert ist. Es gibt aber natürlich auch Probleme. Zum Beispiel mit häuslicher Gewalt. Eine Folge des Krieges und der ukrainischen Bemühungen zum Beitritt in die EU ist, dass das ukrainische Parlament die Istanbul-Konvention im Juni ratifiziert hat – das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Das ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig gibt es aber noch immer wenige politische Entscheidungsträgerinnen. Etwa 20 Prozent des ukrainischen Parlaments sind Frauen – Tendenz aber steigend. Dadurch, dass jetzt viele Männer an der Front sind, werden Stellen in Politik und Diplomatie frei. Das entfaltet auch eine Wirkung, wenn Frauen diese besetzten. Trotzdem sollten westliche Partner in ihrer Unterstützung der Ukraine darauf achten, dass es keine Rückschritte bei der Gleichberechtigung gibt. 

Gibt es in der Ukraine Gruppierungen, die sich für die Rechte von Soldatinnen und Veteraninnen einsetzen?
Ein erfolgreiches Beispiel für den Abbau der gesellschaftlichen Stigmatisierung ist die Kampagne Unsichtbares Bataillon“ von Maria Berlinska und ihren Kolleginnen vom Ukrainian Women Veteran Movement“. Diese wurde bereits 2014/​2015 ins Leben gerufen. Dazu gibt es auch einen Dokumentarfilm. Sie wollen der Gesellschaft aufzeigen, dass auch Frauen gekämpft haben. Und dass diese nach ihrem Einsatz auch spezifische Bedürfnisse haben. 

Sie haben Veteraninnen in der Ukraine interviewt. Was sind die besonderen Herausforderungen für Heimkehrerinnen?
Manche erzählen, dass von ihnen erwartet wird, dass sie mit der psychosozialen Belastung nach einem Kampfeinsatz besser zurechtkommen als Männer – weil sie emotionaler seien, sich mehr mitteilen könnten. Nach dem Motto: Du bist ja eine Frau, du weißt wie das geht“. Das erhöht aber zusätzlich die Hürde, sich Hilfe zu holen. Veteraninnen erwartet oft eine Mehrfachbelastung nach der Heimkehr – das Verarbeiten der eigenen Kriegserfahrung trifft auf die Kinderbetreuung. Viele hatten auch gesundheitliche Folgen. Rückenprobleme sind weitverbreitet, weil eben das Equipment nicht auf Frauen zugeschnitten ist. Auch die Angebote für Veteran:innen sind in der Regel auf Männer ausgelegt. Von Frauen wird erwartet, dass sie nach der Rückkehr von der Front ihre traditionellen Aufgaben übernehmen, aber im Veteranenverein gibt es keinen Wickeltisch und keine Betreuungsangebote. Bei Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen finden Betroffene dort nicht immer Ansprechpartner. 

Wie steht es um die Wertschätzung für Veteraninnen im Alltag?
Generell ist ihr Ansehen gestiegen. Sie gelten nun vielen als Beschützerinnen. Aber sie haben vor 2022 auch schwierige Erfahrungen gemacht. Eine Betroffene erzählte, dass sie ihren Veteran:innen-Ausweis im Bus zeigte und der Fahrer fragte, mit welchem Körperteil sie sich denn ihren Status verdient hätte. Gerade Männer, die nicht an Kämpfen teilgenommen hatten, waren häufig ressentimentgeladen. Dann heißt es schon mal: Du bist ja nur an die Front gegangen, um dir einen Mann zu angeln.“ Das ist dann doppelt bitter, wenn man die eigene Kriegserfahrung verarbeitet und gleichzeitig mit solchen Stereotypen konfrontiert wird.

Wo sie gerade über Stereotypen sprechen: Wie sieht es mit der Repräsentanz von queeren Menschen in der ukrainischen Armee aus?
Es gibt eine LGBTQI-Bewegung in der Armee. Das ist schon beachtlich, denn in der ukrainischen Gesellschaft sind die Vorurteile diesbezüglich noch stärker als in Deutschland. Es gibt jetzt immer mehr queere Personen, die in der Ukraine kämpfen und offen mit ihrer Identität umgehen. Das stößt auf viele Widerstände. Beim Pride-Marsch in Kiew gibt es auch einen Block mit Armeeangehörigen. Der Organisator leistet viel Aufklärungsarbeit im Militär, auch wenn bei weitem nicht alle Veteran:innen positiv darauf reagieren.

Spielt es bei den gesellschaftlichen Fortschritten in der Ukraine momentan auch eine Rolle, dass Wladimir Putin der homophobe und sexistische Feind ist, von dem man sich abgrenzen möchte?
Politisch wird das in der Ukraine auf jeden Fall so genutzt. Inwieweit sich das in den Strukturen aber tatsächlich niederschlägt und sich die Meinung nachhaltig ändert, müssen wir beobachten. Immerhin: Der politische Wille ist da. Er muss jetzt nur in die Praxis übersetzt werden. 

Teilen sie den Eindruck, dass hierzulande viele feministischen Aktivismus und militärische Wehrhaftigkeit nicht zusammen denken können?
Was viele in Deutschland unterschätzen, ist, dass auch ukrainische Frauen, insbesondere jene, die ihre gesamte Familie unter Raketenbeschuss verloren haben, wirklich nichts von Pazifismus hören wollen. Dadurch, dass bei uns in Deutschland so viele geflüchtete Frauen mit Kindern ankommen, gerät etwas in den Hintergrund: Feministischer Aktivismus in der Ukraine bedeutet in der Regel, mehr Waffen zu fordern und sich an der nationalen Anstrengung zur Verteidigung zu beteiligen. 


This interview was originally published by Tagesspiegel Online on August 62022