Warum Deutschland Rohstoffe in Afrika gewinnen sollte
„Uns droht eine Metallkrise“: So warnte Wolfgang Niedermark vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im Juni vergangenen Jahres. Weil China seine Exporte Seltener Erden regulierte, drohten in Deutschland und Europa die Fließbänder stillzustehen. Im Oktober kündigte Peking weitere drastische Verschärfungen an. Erst in letzter Minute und nach Verhandlungen mit den USA versprach es ein Jahr Aufschub.
Jetzt werden Rohstoffabhängigkeiten auch in Deutschland intensiv diskutiert. Trotz Maßnahmen wie dem nationalen Rohstofffonds oder dem Critical Raw Materials Act ist das Problem längst nicht gelöst. Besonders augenfällig ist das bei der globalen Rohstoffkooperation, vor allem in der unverzichtbaren Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern gerade in Afrika.
Im Hier und Jetzt geht es vor allem um die extreme Abhängigkeit von China: Das Land kontrolliert etwa bei Gallium, Germanium oder Seltenen Erden – jeweils unerlässlich für Computerchips, Optik und Magnete – über 90 Prozent der globalen Verarbeitung. Exporte von Gallium und Germanium brauchen seit 2023 eine Genehmigung, seit April 2025 auch die von sieben Seltenen Erden. Ganz verboten sind Ausfuhren für den Rüstungssektor.
Der von Peking gewährte Aufschub für die im Herbst 2025 angekündigten Regeln läuft Anfang November aus. Dann wären nicht nur Exporte fünf weiterer Seltener Erden genehmigungspflichtig, sondern sogar die Ausfuhr von Produkten aus Drittstaaten, wenn diese auch nur 0,1 Prozent chinesischer Seltener Erden enthalten. Eine erneute Verschiebung ist bisher nicht in Sicht. Doch selbst wenn es dazu käme: Deutschland und die EU befinden sich in einer prekären Lage ständiger Erpressbarkeit.
Mittelfristig wird zudem die schiere Verfügbarkeit vieler Rohstoffe ein immer drängenderes Thema. Laut Modellierungen der Internationalen Energieagentur (IEA) wird sich der globale Bedarf an kritischen Rohstoffen bis 2040 auf dem aktuellen Politikpfad fast verdoppeln. In einer Studie im Auftrag der Deutschen Rohstoffagentur DERA vom Juli 2026 wird vorgerechnet, dass eine ehrgeizigere Energiewende den Bedarf bei Iridium, das etwa für die Wasserstoffwirtschaft wichtig ist, sogar verzwölffachen könnte. Die weltweiten Kapazitäten für Abbau und Raffination werden damit laut IEA-Analyse auf Basis angekündigter Vorhaben nicht Schritt halten. Die Abhängigkeit von China bleibt dabei vor allem in der Verarbeitung hoch.
Europäische Vorkommen nicht ausreichend
Vor diesem Hintergrund ist globale Kooperation ein unverzichtbarer Baustein, um Europas Rohstoffversorgung zu sichern. Denn: In Europa selbst gibt es zwar Vorkommen kritischer Rohstoffe, etwa Leichte Seltene Erden in Skandinavien oder Gallium in Griechenland, aber längst nicht alle relevanten Materialien.
Die Verarbeitung von Rohstoffen könnte zwar meist auch in Europa aufgebaut werden, wenn der Abbau anderswo stattfindet, doch der Zugang zu Grundstoffen bleibt unabdingbar. Zudem wäre auch für die Verarbeitung großer politischer Wille nötig, weil sie mit hohen Energiebedarfen und Umweltbelastungen verbunden ist. Recycling muss künftig eine zentrale Rolle spielen, doch selbst im Idealfall ist diese Methode auf das schon verfügbare Material begrenzt. Aktuell bewegt sich der Recyclinganteil bei vielen Rohstoffen noch im einstelligen Bereich.
Für den Erhalt vieler Materialien führt an der internationalen Zusammenarbeit daher kein Weg vorbei. Rohstoffreiche Industrieländer wie Kanada oder Australien sind dabei wichtig, sowohl mit Blick auf direkte Importe als auch auf ihre Expertise und Industriekapazität. Bergbau- und Verarbeitungsunternehmen sind in Deutschland und den meisten anderen EU-Staaten ebenso rar wie sogenannte Junior-Mining-Firmen, die aktiv Rohstoffvorkommen suchen und Projekte entwickeln.
Die größten Lücken bei der Erschließung kritischer Rohstoffe finden sich jedoch in Entwicklungsländern. Allein auf dem afrikanischen Kontinent liegen etwa über drei Viertel der bekannten, wirtschaftlich erschließbaren Vorkommen von Platinmetallen und Tantal sowie große Anteile der Kobalt‑, Chrom- und Manganbestände. Diese Rohstoffe sind etwa in der Herstellung von Elektronik, Katalysatoren oder Stahl zentral. Mit Südafrika, Malawi, Uganda und Namibia gehören vier afrikanische Länder zu den wichtigsten Orten für die Suche nach Seltenen Erden. Dabei entfallen nur zehn Prozent der globalen Ausgaben für Rohstofferkundung auf Afrika – das tatsächliche Potential dürfte also noch höher sein.
In der Rohstoffkooperation mit Afrika geht es nicht nur um die Sicherung des europäischen Zugangs im globalen Wettbewerb, sondern auch darum, die Chancen zur Entwicklung örtlicher Rohstoffindustrien überhaupt zu nutzen. Denn: Nicht nur die Erkundung ist lückenhaft, auch die Projektentwicklung gestaltet sich wegen fehlender Infrastruktur und Fachkräfte oft als schwierig. Hinzu kommt: Viele Regierungen und Bevölkerungen erwarten nachvollziehbar eine Perspektive für lokale Wertschöpfung und Industrieentwicklung statt für bloßen Rohstoffexport. Reine Abbauprojekte sind deshalb politisch oft nicht mehr durchzusetzen.
Afrikas Potential nutzen – auch mit Entwicklungspolitik
Diesen Herausforderungen ist die deutsche und europäische Rohstoffkooperation bisher nicht gewachsen. Seit mehr als 15 Jahren verfolgt die Bundesregierung bilaterale Rohstoffkooperationen, unter anderem mit Ghana. In den vergangenen Jahren kamen 15 EU-Partnerschaften dazu, davon fünf in Afrika. Politische Partnerschaftserklärungen generieren aber noch keine erfolgreichen Projekte. Auch Finanzierungsmöglichkeiten durch die KfW-IPEX Bank, zuständig für internationale Projekt- und Exportgelder, sowie Garantien der Bundesregierung gibt es seit Langem.
Doch das Interesse von Investoren und Projektentwicklern fehlt – auch weil es schwierig bleibt, Abnehmer zu höheren als den chinesischen Preisen zu finden. Der deutsche Rohstofffonds unterstützt erst zwei Projekte, eines in Deutschland und eines in Australien. Explorationsvorhaben sind bisher von der Förderung ausgeschlossen. Von 60 „strategischen“ Projekten der EU befinden sich nur eine Handvoll in Entwicklungsländern, zudem beschränkt sich die Unterstützung auf politische Begleitung bei der Suche nach Finanzierung und Abnehmern.
Damit globale Rohstoffkooperation wirksamer zu Deutschlands Versorgungssicherheit beitragen kann, braucht es deshalb ein neues Modell: Die Zusammenarbeit sollte konsequent auf konkrete Projekte ausgerichtet werden, die EU und Bundesregierung gemeinsam mit Partnerregierungen und Industrie aktiv definieren und entwickeln müssen. Dabei gilt es, die Bemühungen um Versorgungssicherheit besser mit der Entwicklungszusammenarbeit im Rohstoffsektor zu verzahnen, die bisher stark auf Nachhaltigkeit, soziale Aspekte und Regierungsführung ausgerichtet ist.
Diese Aspekte bleiben wichtig, müssen aber mit gezielten Maßnahmen zu Energie- und Transportinfrastruktur sowie Fachkräfteausbildung kombiniert werden, die unmittelbar zum Erfolg von Rohstoffprojekten beitragen. Wenn nicht bald Fortschritte bei Ansätzen wie Mindestpreisen oder Diversifizierungsquoten gelingen, um Investitionen durch verlässliche Nachfrage zu tragfähigen Preisen attraktiv zu machen, wird der Staat zudem die Abnahme auf Projektebene besser absichern müssen.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 20. August 2026 in der FAZ veröffentlicht.