Wenn am Ende eine Verstaatlichung der führenden KI‑Labore steht
Letzte Woche reagierte Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Entscheidung der US-Regierung, Ausländern den Zugriff auf die fortschrittlichsten KI-Modelle von Anthropic zu verwehren: „Das Potenzial dieser neuen Technologien sollte für alle Länder zugänglich sein“. Das wird Wunschdenken bleiben.
Zugangsbeschränkungen seitens der US-Regierung werden zukünftig die Regel sein. Warum sollten die USA Gegnern Zugang zur für Sicherheit und Wohlstand entscheidenden Technologie des 21. Jahrhunderts auf dem Silbertablett servieren? Schließlich hat man der Sowjetunion Hochtechnologie auch nicht frei Haus geliefert. Es ist ebenso unsicher, ob China zukünftig weiterhin offene Modelle ohne Einschränkungen anbietet.
Europa wird sich durch eigene Hebel wie die Unverzichtbarkeit europäischer Unternehmen wie ASML, Zeiss, Trumpf und Siemens Energy für die KI-Lieferketten sowie die Attraktivität des europäischen Marktes Zugang zu den fortschrittlichsten US-Modellen sichern müssen.
Doch die Stürme der KI-Politik werden nicht bei Zugangsbeschränkungen haltmachen. Sollte die Wette der führenden KI-Labore auf Weiterentwicklung der Large Language Models (LLM) hin zu „Powerful AI“ (in den Worten von Anthropic-Gründer Dario Amodei) aufgehen, dann wird das weit drastischere Maßnahmen nach sich ziehen. Amodei selbst warnt vor den Risiken allmächtiger KI-Modelle: menschlicher Kontrollverlust über KI-Systeme, Biowaffen und Terrorismus, KI-basierter Autoritarismus, massive Jobvernichtung sowie Machtkonzentration bei KI-Unternehmen.
Jüngst forderte Anthropic ein global verhandeltes Moratorium bei der KI-Entwicklung mit überprüfbaren Regeln, um katastrophalen Risiken vorzubeugen und Gesellschaften Zeit zu geben, sich auf das KI-Zeitalter besser vorzubereiten. Spötter behaupten, dies sei nur ein Marketing-Trick für Anthropics geplanten Börsengang: die eigenen Modelle als übermächtig anpreisen, um Billionen von Anlegern einzusammeln. Doch selbst die mit einer „Alles geht“- Grundhaltung gestartete Trump-Regierung nimmt die Warnungen mittlerweile ernst.
Sie korrigierte ihre libertäre Grundhaltung jetzt hastig und schlecht vorbereitet aufgrund der Sorgen vor dem Missbrauch der Top-KI-Modelle Mythos und Fable. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass am Ende der Wegstrecke eine Verstaatlichung der führenden KI‑Labore steht. Ein sich selbst respektierender Staat wird „Powerful AI“ nicht in den Händen von privaten Firmen lassen – aufgrund des Machtungleichgewichts und der Sicherheitsrisiken. Es gibt auch keine privaten Atomwaffenlabore. Der Druck in Richtung Verstaatlichung könnte in den USA auch durch politische Protestbewegungen kommen.
Schon jetzt überwiegt in den USA laut Umfragen Skepsis gegenüber KI. Proteste gegen den Bau von Datenzentren gewinnen an Fahrt. Für die Kandidatenfindung für die nächste US-Präsidentschaftswahl 2028 wird der Umgang mit KI ein bestimmendes Thema werden. Und die jüngst von Bernie Sanders geäußerte Forderung, die öffentliche Hand solle die Hälfte der Anteile an KI-Unternehmen halten, wird höchstwahrscheinlich eine der moderateren Positionen sein. Und es ist unklar, ob eine massive finanzielle Mobilisierung für Pro-KI-Positionen und Kandidaten seitens der Tech-Industrie die Grundstimmung drehen könnte.
Hierzulande feiert heute die Protestpartei AfD in ihren Wahlprogrammen KI noch als Chance, Personallücken durch Automatisierung statt Zuwanderung zu schließen. Doch spätestens wenn KI-Unternehmen hierzulande wie in Kalifornien „Stop Hiring Humans“ plakatieren und es klar wird, dass KI auch massenhaft biodeutschen AfD-Wählern den Job kosten könnte, wird auch die AfD ihre Position drastisch ändern.
Das Zeitalter der KI-Polarisierung
Links außen deutet sich das bereits an. Ein letzte Woche in der „taz“ veröffentlichter Essay eines Anti-KI-Aktivisten endete mit dem wenig verhohlenen Gewaltaufruf: „Keine Forderungen, nur Flammen“. Es gibt wenig Grund zur Annahme, dass das Zeitalter der KI-Polarisierung hierzulande friedlich verlaufen wird. Darauf sollte sich nicht nur der Verfassungsschutz vorbereiten. Bürger, Regierung, Verwaltung, Parteien, Unternehmen und gesellschaftliche Gruppen sollten die Gestaltung der KI-Revolution nicht den Extremen überlassen.
Das ist Chance und Notwendigkeit zugleich, Organisation von Staat und Verwaltung, Bildung, Besteuerung, Sozialsystemen neu zu denken. Bislang sind die meisten noch viel zu schwach aufgestellt. Das muss sich schnell ändern. Voraussetzung dafür ist, wie das von führenden KI-Forschern und ‑Investoren entwickelte Szenario „Europe 2031“ jüngst eindrucksvoll verdeutlicht hat, dass Europa gegenüber den KI-Supermächten USA und China nicht komplett den Anschluss verliert und in seine eigenen technologischen und industriellen Fähigkeiten investiert.
Merz beklagte letzte Woche zutreffend, Europa hinke technologisch hinterher. Er muss Kanzleramt und Regierung jetzt so aufstellen, dass die Aufholjagd erfolgreich sein kann. Deutschland und Europa sollten dabei auf Zusammenarbeit mit anderen Mittelmächten sowie der KI-Führungsmacht USA setzen. Die jüngst vereinbarte Einrichtung eines deutschen AI Security Institute nach britischem Vorbild ist dabei ein richtiger Schritt. Weitere müssen folgen.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 25. June 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.