Warum Aufrüstung allein keine Sicherheit bringt
108 Milliarden Euro will Deutschland in diesem Jahr für die Verteidigung ausgeben – die größte Summe seit Ende des Kalten Kriegs. Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr: Russland gilt seit seinem Krieg gegen die Ukraine als Bedrohung für Europa, und die USA drohen immer wieder damit, ihre schützende Hand über dem Kontinent zurückzuziehen.
Europa müsse mehr Geld in die Verteidigung investieren – das wird voraussichtlich auch ein Signal sein, das die Münchner Sicherheitskonferenz am kommenden Wochenende in die Welt sendet.
Doch reicht das alles, damit sich die Menschen hierzulande sicher fühlen können? Philipp Rotmann hat da seine Zweifel. Er ist Direktor der Denkfabrik “Global Public Policy Institute” in Berlin und dort Experte für die Sicherung von Frieden und Sicherheit.
Herr Rotmann, Deutschland gibt inzwischen mehr als doppelt so viel Geld für seine Verteidigung aus wie noch vor fünf Jahren. Können wir uns dadurch sicherer fühlen?
Philipp Rotmann: Diese Investitionen in die Verteidigung sind absolut notwendig. Die Wiederertüchtigung unserer Streitkräfte wird noch lange dauern, und Geld allein wird nicht die Lösung sein. Meine größte Sorge ist aber: Es reicht nicht aus, der Sicherheitslage nur mit militärischen Mitteln zu begegnen.
Sondern?
Unsere Sicherheit wird auch durch Lieferketten-Engpässe oder durch mangelnde Ernährungssicherheit bedroht. Die Corona-Pandemie ist ebenfalls noch nicht lange her. Während immer mehr Geld in die militärische Aufrüstung fließt, werden andere Bereiche wie Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe massiv zusammengekürzt. Das hat in Deutschland schon unter der Ampelkoalition angefangen, unter Bundeskanzler Merz wurde noch weiter gespart. In den USA ist es noch schlimmer: Die Trump-Administration hat die US-Entwicklungsbehörde USAID praktisch zerstört.
Was haben humanitäre Krisen weltweit mit der Sicherheit in Deutschland zu tun?
Humanitäre Krisen im Ausland bleiben nicht einfach weit weg, sondern erreichen auch uns: über wirtschaftliche Folgen, Migration, Pandemien, Extremismus. Das destabilisiert. Wenn wir Krisen im Ausland bekämpfen, kämpfen wir auch für unsere Sicherheit in Deutschland. Humanitäre Hilfe ist zudem nicht nur ein Ausdruck unserer moralischen Verantwortung, sondern hat auch einen Einfluss auf unsere Außenwahrnehmung in der Welt.
Inwiefern?
Diese Mittel können auch unseren Interessen nützen: Die Länder im Globalen Süden werden zum Beispiel eher in unserem Sinne bei den Vereinten Nationen abstimmen, wenn sie den Eindruck haben, dass Deutschland oder die Europäische Union an ihrer Seite stehen und ihrer Verantwortung gerecht werden. Das zahlt sich für uns diplomatisch aus.
Und die Entwicklungszusammenarbeit?
Sie leistet für Europas Verteidigung zentrale Beiträge. Nehmen wir da die Ukraine: Wir unterstützen die Ukraine nicht nur mit Waffenlieferungen, sondern auch mit Generatoren und Transformatoren, um die Energie-Infrastruktur trotz der russischen Angriffe aufrechtzuerhalten. Das hält nicht nur die bewundernswerte Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer aufrecht, sondern auch ihre Verteidigung. Die Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit zahlen daher auch knallhart auf unsere Sicherheitsinteressen ein.
Trotzdem muss das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit weniger Geld auskommen. Ministerin Alabali Radovan hat deshalb einen Reformplan vorgelegt: Sie will, dass Deutschland sich stärker auf bestimmte Themen und Regionen konzentriert. Ist das erzwungene Mangelverwaltung oder ein kluger Schritt?
Ich denke: beides. Der Sparzwang spielt eine Rolle, aber es ist sinnvoll, sich auf die Bereiche und Partner zu konzentrieren, die einen großen Nutzen für beide Seiten versprechen. Entwicklungsprojekte mit Sicherheitsbezug sind häufig flexibler als zum Beispiel langfristige Projekte zur Armutsbekämpfung. Deswegen war es haushaltstechnisch einfacher, in diesem Sicherheitsbereich besonders stark zu kürzen – auch wenn die Maßnahmen hier sehr in unserem Interesse lagen. Die Ministerin hat das Thema Sicherheit jetzt zu einer ihrer vier Prioritäten gemacht. Das ist ein richtiger Schritt.
Internationales Engagement hat die vielen Krisen und Kriege auf der Welt allerdings nicht verhindern können.
Natürlich können externe Akteure nicht einfach den Ausgang eines Konflikts bestimmen. Das funktioniert in der Ukraine nicht – und auch nicht im Sudan, Nigeria oder Syrien. Am krassesten haben wir diese Erfahrung in Afghanistan machen müssen. Aber: Wir können das Zünglein an der Waage sein, wenn wir starke lokale Partner im Land haben. Ist das nicht der Fall, kann es schiefgehen. Das hat auch das Beispiel Mali gezeigt.
Inwiefern?
Wir haben dort jahrelang eine Menge Geld investiert, ohne dass die politischen Voraussetzungen dafür gestimmt haben. Denn die malische Regierung hat in eine andere Richtung gearbeitet. Damit Entwicklungsprojekte funktionieren, müssen wir den Schulterschluss mit der Regierung und der Bevölkerung suchen. Die Chance dafür besteht zum Beispiel in Syrien, wo es nach dem langen Bürgerkrieg Hoffnung auf Stabilität und Sicherheit gibt.
Allerdings ist der Partner in Syrien eine Regierung, die von Islamisten angeführt wird.
Ja, das ist keine einfache Regierung. Allerdings geht die bisherige Bilanz ihrer Herrschaft grundsätzlich in die richtige Richtung: Es gibt die Aussicht auf Stabilität – zumindest, wenn die Regierung alle Bevölkerungsgruppen einbezieht. Um noch einmal das Negativbeispiel Mali zu bemühen: Dort gab es eine scheinbar demokratische Situation, regelmäßig haben nach technischen Standards Wahlen stattgefunden. Aber eigentlich war es eine Scheindemokratie, bei der für die Bevölkerung nichts heraussprang. Wenn Regierungen aber Reformen und Kooperationswillen signalisieren, können wir in diesen Ländern durch Entwicklungszusammenarbeit echten Wandel erreichen. Das sollten wir auf keinen Fall aufgeben.
In Deutschland gibt es seit Jahren eine zunehmend mächtige Erzählung gegen internationales Engagement. Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, so heißt es vereinfacht, seien Geldverschwendung. Wie muss die Politik aus Ihrer Sicht darauf reagieren?
Im Kern ist es paradox: Meinungsumfragen zeigen, dass sich eine massive Mehrheit der Deutschen grundsätzlich Entwicklungszusammenarbeit wünscht und sie als Ausdruck der Verantwortung einer wohlhabenden Gesellschaft sieht. Gleichzeitig sind viele Menschen sehr unzufrieden mit der Art und Weise, wie das Geld ausgegeben wird. Deshalb muss sich die Politik auf Projekte konzentrieren, die besonders aussichtsreich sind – und über die Erfolge sprechen. Das war in den letzten Jahren noch zu selten der Fall.
Dieses Interview wurde ursprünglich am 13. Februar 2026 von WEB.DE veröffentlicht.