Commentary

Ludwig Erhard würde Peking Paroli bieten

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Ludwig-Erhard-Büste in Fürth.   | Photo: Eva Hermann/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
28 May 2026, 
published in
Handelsblatt

Bei ihrer Grundsatzrede zu einer Agenda für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit“ im letzten November feierte Katherina Reiche die Rückkehr der Ludwig-Erhard-Büste in das Wirtschaftsministerium. Zum Umgang mit China verlor die Wirtschaftsministerin dabei kein Wort. Spätestens mit dem Antrittsbesuch der Ministerin diese Woche in Peking stellt sich die Frage: Wie würden Reiches ordoliberale Säulenheilige heute den Wettbewerb mit Chinas autoritärem Staatskapitalismus angehen?

Ganz sicher würden sie fordern, dass Deutschland seine Hausaufgaben für eine bessere Wettbewerbsordnung macht. Da gibt es viel zu tun. Gleichzeitig ist nach Walter Eucken, dem Mitbegründer des Ordoliberalismus, der Durchstoß zur wirtschaftlichen Wirklichkeit“ die Hauptaufgabe von Forschern. Wenn Ordoliberale heute Euckens Maxime auf die Realitäten des Wettbewerbs mit China anwenden, erkennen sie schnell, dass der Handel mit China nicht innerhalb einer geteilten freien Wettbewerbsordnung stattfindet.

China verschafft sich systematisch Vorteile durch Marktzugangsbeschränkungen, Subventionen und Wechselkursmanipulation. Nach Berechnungen der OECD profitieren Firmen in China von Subventionen, die zwischen vier und acht Mal höher sind als in anderen Industrieländern. Der IWF taxiert die von Peking forcierte Unterbewertung des Yuans auf 16 Prozent. Die Ökonomen Brad Setser und Sander Tordoir gehen in einer neuen Studie zum China-Schock 2.0“ sogar von einer verhinderten Aufwertung von um die 30 Prozent aus.

Einige China-Experten verkaufen hierzulande angesichts der zweifelsohne beeindruckenden Innovationsdynamik gern die Metapher von China als Fitnesscenter“ für die Industrie – und vergessen dabei hinzuzufügen: mit massivem staatlich verordneten Dopingmissbrauch“. Wir brauchen dringend Entbürokratisierung sowie Kostensenkungen bei Lohnnebenkosten und Energie. Aber damit lassen sich nicht annähernd die 40 Prozent und mehr Kostenvorteile ausgleichen, die chinesische Wettbewerber in manchen Fällen haben.

Hinzu kommen die machtpolitischen Aspekte von Chinas Handelspolitik. Es ist gut, dass der Ökonom Gabriel Felbermayr nach seiner Berufung in den Sachverständigenrat im April selbstkritisch angemerkt hat: Ich wollte nicht wahrhaben, dass es durchaus Strategien seitens Chinas gibt, Märkte aktiv zu manipulieren, zu monopolisieren und dann die Abhängigkeiten machtpolitisch einzusetzen.“ Der Wirtschaftsweise fordert, man müsse die Denke an die Realität anpassen“.

Ordoliberale sind dafür bestens ausgestattet, weil Kern ihres Ansatzes die Einhegung von Machtmissbrauch im Sinne einer fairen, staatlich garantierten Wettbewerbsordnung ist. Für Ordoliberale ist das Vorgehen gegen die unfairen Praktiken von Chinas Staatskapitalismus Ordnungsschutz, nicht Protektionismus. Ordoliberale sprechen sich auch klar gegen existenzielle Abhängigkeiten in Lieferketten oder kritischer Infrastruktur aus.

Eucken etwa hätte argumentiert, dass ein Staat, der sich einseitig erpressbar macht, die Ordnungsautonomie verliert und die eigene Fähigkeit zur Ordnungspolitik zerstört. Chinas globales Monopol von über 90 Prozent bei der Verarbeitung von kritischen Rohstoffen ist dafür ein anschauliches Beispiel. Peking droht Europa, die Lieferungen weiter einzuschränken, sollte die EU den Marktzugang für unfaire chinesische Wettbewerber einschränken. National oder europäisch würde man ein solches Monopol sofort aufbrechen, insbesondere wenn es seine marktbeherrschende Stellung so eklatant missbraucht.

Ein Weltkartellamt gibt es nicht. Aus ordoliberaler Sicht rechtfertigt das staatliche Regelsetzung zur Verringerung der Abhängigkeit. Den ordoliberalen Vordenkern war immer klar, dass ein vermachteter Markt sich nicht allein korrigieren kann. Ordoliberale werden sich immer skeptisch gegenüber Industriepolitik und Subventionsorgien zeigen als Antwort. Aber Ausgleichszölle zur Korrektur eines unfairen Wettbewerbs oder regulatorische Vorgaben zur Diversifizierung können eine notwendige ordnungspolitische Verteidigungsmaßnahme sein. Ausgleichszölle gegenüber China sind mit mehr Freihandel mit anderen gleichgesinnten Partnern kompatibel. Je größer der Ausgleichszoll-Klub, desto besser.

Es geht nicht um Autarkie oder Abschottung, sondern darum, unsere Märkte gegen systematische Verzerrung und Machtmissbrauch verteidigungsfähig zu machen. Für unsere Kernindustrien ist China heute eine existenzielle Bedrohung und hat bereits Hunderttausende Arbeitsplätze gekostet. Der neue Fünfjahresplan macht deutlich: Von selbst wird China sein Modell nicht korrigieren. Für Europa bleibt nur eine Schlussfolgerung: gemeinsam Druck aufbauen gegenüber China und den eigenen Markt entschlossen schützen.

Auf Deutschland kommt es dabei an. Berlin wird die unvermeidlichen Konflikte mit Peking mit Blick auf unfairen Wettbewerb und Lieferketten nur dann erfolgreich bestehen können, wenn es konstruktiv eine gemeinsame EU-Linie mitgestaltet, diese gegen alle Spaltungsversuche Pekings verteidigt und sich auf Eskalationsszenarien vorbereitet.

Deshalb sollte die deutsche Regierung die Schutzmaßnahmen, welche die EU-Kommission am Freitag diskutiert, unterstützen. Reiche und auch Kanzler Merz würden die Grundideen des Ordoliberalismus verraten, sollten sie sich dagegenstellen.

Dieser Kommentar wurde erstmals am 27. Mai 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.