Kritische Rohstoffe: Was die Wirtschaftsministerin nach ihrer China-Reise tun muss
Als der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff im Sommer 1980 die Volksrepublik China besuchte, warb der chinesische Metallurgie-Minister Tang Ke mit den Vorkommen seines Landes an kritischen Rohstoffen: „China ist bereit, Deutschland sicher mit Titan zu versorgen“. Gleichzeitig standen deutsche Unternehmen wie die Essener Firma Goldschmidt (heute Teil von Evonik) bereit, China beim Abbau und der Weiterverarbeitung von Seltenen Erden zu helfen. Außenhandelsminister Li Tschiang kündigte an, dass China dafür kämpfen werde, mehr Rohstoffe in die Bundesrepublik zu liefern.
Li hätte sich damals wohl kaum vorstellen können, wie erfolgreich sein Land damit sein würde. Fast fünf Jahrzehnte später reist die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche diese Woche in ein China, das zur Supermacht für kritische Rohstoffe geworden ist. Chinesische Unternehmen dominieren mit Marktanteilen von über 90 Prozent bei vielen Materialien sowie wichtigen nachgelagerten Segmenten wie Magneten und Batterien die globale Verarbeitungsindustrie. Man kann die Bedeutung dieser Entwicklung kaum überschätzen. Seltene Erden und Rohstoffe wie Gallium, Lithium oder Kobalt sind heute unverzichtbar für Verteidigungssysteme, Schlüsselindustrien, die grüne Transformation sowie digitale Technologien und die KI-Revolution.
Chinas Exportkontrollregime wirkt – auch in Europa
Deutschland und Europa haben das oft energieintensive, umweltschädliche und wenig gewinnbringende Geschäft mit kritischen Rohstoffen bereitwillig an China ausgelagert. Man vertraute lange auf billige Verfügbarkeit und kaufte sich damit strategische Abhängigkeit ein. Heute zeigt sich: Der scheinbar niedrige Preis hatte einen versteckten Aufschlag in Form politischer Erpressbarkeit. Dramatisch ist, wie selbstbewusst Peking diese Abhängigkeiten heute als Multifunktionswaffe einsetzt. Peking hat sich von den USA abgeschaut, wie man ein umfassendes Exportkontrollregime aufbaut.
Es wäre jedoch ein großes Missverständnis, anzunehmen, dass dieses Regime primär auf die USA ausgerichtet ist und Deutschland und Europa nur Kollateralschäden sind. Die chinesische Regierung hat Europa etwa signalisiert, dass die Versorgung mit kritischen Rohstoffen gefährdet ist, sollte Brüssel Schutzmaßnahmen gegen unfairen Wettbewerb ergreifen und den Marktzugang für chinesische Produkte einschränken. Dieser Druck wirkt. Vor ihrer Abreise nach China führte Wirtschaftsministerin Reiche mögliche chinesische Gegenmaßnahmen beim „Export wichtiger Rohstoffe“ als Hinderungsgrund für den Einsatz von EU-Anti-Dumping-Maßnahmen ins Feld. Die umfassenden Lizenzanträge sind für Peking außerdem ein sehr effektives Werkzeug, um vertrauliche Informationen über die Lieferketten europäischer Unternehmen zu erhalten und die Liefermengen so zu beschränken, dass Europa keine Lagerhaltung betreiben kann. Pekings Ansatz, den Export von Rohstoffen, Vorprodukten und Komponenten stärker einzuschränken als den von Endprodukten, zielt darauf ab, den Aufbau von Wertschöpfungsketten in Europa unattraktiver zu machen, etwa bei Batteriefahrzeugen. Peking hat auch europäischen Rüstungsunternehmen klar zu verstehen gegeben, dass sie beim verschärften Exportkontrollregime keine Genehmigungen für kritische Rohstoffe erwarten dürfen. Das bedroht die deutschen und europäischen Bemühungen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit fundamental.
Bereits im vergangenen Jahr kam es in Deutschland aufgrund chinesischer Exportkontrollen zu ersten Produktionsausfällen. Ab November droht ein noch weit umfassenderes Kontrollregime. Dann läuft ein einjähriges Moratorium aus, das US-Präsident Donald Trump und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping bei ihrem Treffen in Busan Ende Oktober 2025 verhandelt hatten. Deutschland und Europa haben deshalb ein großes Interesse daran, massiv in Maßnahmen zu investieren, die Abhängigkeiten von China bei kritischen Rohstoffen verringern.
Ohne Nachfrage ist alles nichts
Wie aus einer aktuellen GPPi-Studie in Zusammenarbeit mit der Otto Wolff Stiftung hervorgeht, beruhen die politischen Ansätze Deutschlands und Europas nach wie vor zu stark auf der falschen Annahme, dass bessere Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliche Projekte in Europa und anderen Teilen der Welt ausreichen, um Rohstofflieferketten zu diversifizieren. Diese Annahme verkennt jedoch die Realität von Chinas staatlich gestützter, vertikal integrierter Dominanz, die es Peking ermöglicht, global Preise zu bestimmen. In einem von China gekaperten globalen Markt funktioniert das freie Spiel der Marktkräfte nicht. Wenn Investoren keine langfristigen Abnehmer und keine verlässlichen Preisniveaus sehen, entstehen keine neue Minen, Raffinerien, Recyclinganlagen oder Substitute. Vereinfachte Genehmigungen, finanzielle Unterstützung und Rohstoffpartnerschaften sind zwar wichtig, doch ohne stabile Nachfrage bleiben viele Projekte wirtschaftlich nicht tragfähig.
Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren viele Rohstoffpartnerschaften mit Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika geschlossen. Ziel war es, eine nachhaltige Förderung von kritischen Rohstoffen zu ermöglichen und die Abhängigkeit von China zu verringern. Doch die Bilanz ist frustrierend, wie eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt: „Es gibt weder konkrete Projekte noch Lieferbeziehungen, in denen die Partnerschaften die erhoffte Wirkung entfalten konnten.“ Dies macht deutlich, dass gut konzipierte Maßnahmen auf der Angebotsseite allein nicht ausreichen werden, um die erforderlichen Investitionen zu mobilisieren, solange die nachfrageseitige Lücke nicht geschlossen wird. In einer Marktwirtschaft tätigt kein Investor eine langfristige Investition, wenn er befürchten muss, dass der Monopolist China ihn durch Kampfpreise jederzeit vom Markt verdrängen kann. Und eine Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht, wenn es billiger ist, Schrott nach China zu exportieren und dort kritische Rohstoffe wiederzugewinnen, als das Recycling in Europa vorzunehmen.
Wege zu einer marktgestaltenden Strategie
Ohne ein massives staatliches Eingreifen wird der chinesische autoritäre Staatskapitalismus, der frei von Profitzwängen operiert, weiter die Weltmärkte dominieren und Abhängigkeiten zementieren. Deutschland und Europa müssen daher eine entschlossenere, marktgestaltende Strategie verfolgen. Drei Handlungsstränge sind dabei entscheidend.
Erstens braucht es gezielte Nachfrage- und Preisinterventionen entlang jeder kritischen Wertschöpfungskette, die auf die jeweiligen Materialeigenschaften, die Marktstruktur und die strategische Relevanz zugeschnitten sind. Beispiele für solche Interventionen sind Umsatzgarantien in Märkten mit geringem Volumen und Beschaffungsregeln mit Vorgaben zur Diversifizierung, insbesondere für Großabnehmer wie in der Verteidigungsindustrie. Diese Instrumente sind unerlässlich, um verlässliche Anreize für Investitionen in Bergbau‑, Verarbeitungs- und Recyclingprojekte zu schaffen.
Zweitens muss eine koordinierte Lagerhaltung in Zusammenarbeit mit dem Privatsektor angestrebt werden. Statt die Lagerhaltung als letzten Ausweg zu betrachten, sollten Deutschland und die EU sie als Basisschutz gegen unmittelbare Lieferunterbrechungen nutzen. Ein öffentlich-privates Modell, bei dem der Staat Mindestvorratsanforderungen festlegt und bei Bedarf Anschaffungs- und Betriebskosten finanziell unterstützt, während private Akteure die Lagerbestände verwalten, stärkt die nationale Resilienz und ist noch dazu schnell umzusetzen.
Drittens sollte die Bedeutung von Recycling, Substitution und Effizienz stärker betont werden. Das Potenzial dieser Maßnahmen ist aus einer Nachhaltigkeitsperspektive seit Langem bekannt, wird zur Stärkung der Resilienz jedoch weiterhin zu wenig genutzt. Um diese Maßnahmen breiter anzuwenden, sind konkrete Schritte notwendig: spezifische Sammel- und Rückgewinnungspflichten, um Materialien in gesonderten Wertschöpfungsketten zu halten; Anreize für recyclinggerechtes Produktdesign; strengere Kontrolle von Schrottexporten bei zugleich besser funktionierenden innereuropäischen Abfallströmen; sowie gezielte Unterstützung für Technologien, die Abhängigkeiten durch weniger Verbrauch oder die Nutzung alternativer Stoffe am wirksamsten verringern können. Bei der Kreislaufwirtschaft gilt es, attraktive Rahmenbedingungen für Recycling in Deutschland und Europa zu schaffen.
Den „Resilienz-Aufschlag“ fair aufteilen
All dies ist mit Kosten verbunden. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer argumentiert treffend, dass Staaten bereit sein müssen, diese zu tragen. „Wenn Handelspartner Bedenken hinsichtlich der wirtschaftlichen Kosten von Mindestpreisen oder entsprechenden Mechanismen äußern, sage ich einfach: Worüber Sie sprechen, nämlich Kosteneffizienz, ist der Grund, warum wir uns in dieser Situation befinden. Es gibt einen Aufpreis, den wir zahlen müssen, und ich nenne ihn den nationalen Sicherheitsaufschlag […], um eine sichere Lieferkette zu haben.“
Da kritische Rohstoffe bei vielen Produkten nur einen geringen Teil der Gesamtkosten ausmachen, fällt dieser „Resilienz-Aufschlag“ moderat aus. Angesichts der drohenden Schäden durch Lieferunterbrechungen oder eine eingeschränkte Rüstungsproduktion sowie der damit verbundenen Einbußen bei der Abschreckungsfähigkeit ist er gut investiert. Hinzu kommen die politischen Schäden durch Erpressbarkeit und Verwundbarkeit gegenüber Zwangsmaßnahmen, die kaum zu beziffern sind und die allein schon Investitionen in weniger Abhängigkeit rechtfertigen.
Eine faire Lastenteilung zwischen Staat und Unternehmen ist dabei unerlässlich. Angesichts der angespannten öffentlichen Haushaltslage sollten langfristige Subventionen möglichst vermieden werden. Gleichzeitig gilt: Ohne öffentliche Investitionen und flexible Instrumente wird es nicht gehen. Das macht das Beispiel Japans deutlich, das seit 15 Jahren mit staatlicher Steuerung in die Verringerung von Abhängigkeiten investiert.
Vor allem aber können Deutschland und Europa von der Entschlossenheit der US-Regierung unter Trump lernen. Im Frühjahr 2025 hat Trump die Wirksamkeit von Pekings Rohstoffwaffe schmerzhaft im von ihm angezettelten Handelskrieg mit China erfahren. Seitdem hat sich das Trump-Team vorgenommen, mit maximaler Geschwindigkeit bei der Reduzierung von Abhängigkeiten vorzugehen. Allein von Mitte 2025 bis Anfang 2026 mobilisierte die US-Regierung 30 Milliarden Dollar in Form von Absichtserklärungen, Investitionen, Darlehen und anderen Maßnahmen zur Unterstützung von Projekten, die der Sicherung der Unabhängigkeit bei kritischen Mineralien dienen. Das Trump-Team handelte schnell, um Deals abzusichern, wie etwa die Übernahme der Serra-Verde-Mine in Brasilien für 2,8 Milliarden US-Dollar – die größte Mine außerhalb Asiens, die etwa für Magnete wichtige schwere Seltene Erden liefert. Die USA investierten außerdem erhebliche Mittel in nationale Bevorratungsprojekte und die Sicherung von Verarbeitungskapazitäten.
Deutschland und Europa sind trotz gleicher Bedrohung durch Pekings Monopol bisher weder mit der notwendigen Geschwindigkeit noch mit den notwendigen Mitteln vorgegangen, um ähnliche Investitionen anzureizen. Brüssel verfügt nicht über die erforderlichen finanziellen Ressourcen und die nationalen Regierungen haben größtenteils gezögert. Der deutsche Rohstofffonds ist mit einem Volumen von einer Milliarde Euro vergleichsweise klein und vor allem zu langsam und unflexibel. Obwohl Deutschland beispielsweise ausgezeichnete Beziehungen zur brasilianischen Regierung unter Präsident Lula unterhält, waren es die USA, die den Deal mit Brasilien über den Serra-Verde-Komplex sicherten, während die deutsch-brasilianische Rohstoffkooperation bisher wenig Nennenswertes hervorgebracht hat. Selbst innerhalb Europas sichern sich die USA durch ihr entschiedenes Vorgehen knappe Weiterverarbeitungskapazitäten für kritische Rohstoffe.
Prioritäten einer deutschen Wirtschaftssicherheitsministerin
Deutschland muss in Europa vom Mitläufer zum Gestalter der Agenda für eine größere Unabhängigkeit bei kritischen Rohstoffen werden. Berlin sollte ein starkes EU-Rohstoffzentrum im Rahmen des hilfreichen RESourcEU-Aktionsplans unterstützen, eine Ausweitung der Mittel im nächsten mehrjährigen EU-Finanzplan vorantreiben, bis dahin nationale Mittel für gemeinsame europäische Nachfrage- und Preisinterventionen bündeln und mit Koalitionen williger Mitgliedstaaten vorangehen.
Dafür muss das Thema Rohstoffsicherheit auf höchster politischer Ebene stärker priorisiert werden. Es ist wichtig und sinnvoll, dass das Auswärtige Amt im Rahmen seiner aktuellen Umstrukturierung die Arbeit zur Wirtschaftssicherheit verstärkt und innerhalb der Regierung wichtige Impulse liefert. Das Wirtschaftsministerium hingegen, das eine Führungsrolle einnehmen müsste, bleibt bislang unter seinen Möglichkeiten – auch weil die Ministerin das Thema immer noch nicht zur Chefsache gemacht hat. Nach ihrer Rückkehr aus China muss Katherina Reiche dies ändern und mit Verve die Rolle als Wirtschaftssicherheitsministerin ausfüllen.
Antreiber sollte das Kanzleramt sein. Es war die richtige Entscheidung des Teams um Bundeskanzler Friedrich Merz, das Thema kritische Rohstoffe prominent auf die Agenda des Nationalen Sicherheitsrats zu setzen. Die Anfang des Jahres im Sicherheitsrat verabschiedete Zielvereinbarung zu kritischen Rohstoffen ist aus verständlichen Gründen vertraulich. Gleichzeitig muss die Öffentlichkeit darauf vertrauen können, dass eine schnelle Umsetzung durch aktive Steuerung seitens des Kanzleramts und des Wirtschaftsministeriums garantiert wird. Dazu müssen die Umsetzungskapazitäten im öffentlichen Sektor gestärkt und Investitionen in ein besseres Ökosystem für kritische Rohstoffe erhöht werden. Deutschland und die EU haben zwar Institutionen wie die Deutsche Rohstoffagentur, aber die Expertise bleibt oft fragmentiert, Daten über Lieferketten sind unvollständig, Zuständigkeiten sind verstreut und Fachkräfte knapp. Ohne stärkere Institutionen, mehr technisches Know-how und eine engere Zusammenarbeit mit der Industrie werden selbst gute Instrumente langsam und wirkungsschwach bleiben.
Deutschland und Europa müssen außerdem die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern wie Kanada, Japan oder Brasilien, aber auch mit den USA vertiefen, idealerweise im G7-Rahmen. Die US-Positionen sind zwar nicht immer deckungsgleich, doch ohne die Vereinigten Staaten verlieren gemeinsame Maßnahmen stark an Wirkung. Auch würden Formate ohne die USA gerade jetzt, wo diese in diesem Bereich stark auf plurilaterale Koalitionen setzen, gegen EU-Interessen wirken. Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den USA ist, dass Europa selbst mehr Fähigkeiten in Kooperationen einbringt. Generell gilt: Je mehr Partner sich auf gemeinsame Standards bei kritischen Rohstoffen (etwa in Form von Ausgleichszöllen) gegenüber China einigen können, desto geringer fallen die Wettbewerbsnachteile aus.
Es ist richtig, dass Wirtschaftsministerin Reiche nach Peking reist. Offene Gesprächskanäle sind angesichts der Interessenunterschiede von zentraler Bedeutung. Doch Deutschland darf sich durch Vergeltungsdrohungen Pekings nicht davon abbringen lassen, deutsche und europäische Interessen zu verteidigen. Berlin wird die unvermeidlichen Konflikte mit Peking in Bezug auf unfairen Wettbewerb und Lieferketten nur dann erfolgreich bestehen können, wenn es konstruktiv eine gemeinsame EU-Linie mitgestaltet, diese gegen alle Spaltungsversuche Pekings verteidigt und sich auf Eskalationsszenarien vorbereitet. Von zentraler Bedeutung sind bei alledem konkrete Fortschritte bei der Verringerung von Abhängigkeiten. Kritische Rohstoffe sind hierbei nur der Anfang. Andere Lieferketten, etwa bei Medikamenten, müssen folgen. Hierfür sollte die Bundesregierung dringend den Schalter auf entschlossenes Handeln umlegen. Trump und Xi haben dies längst getan.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 26. Mai 2026 in Internationale Politik veröffentlicht.