Interview

Unabhängig von China werden? „Es braucht eigentlich gar nicht so viel“

Klumpp 2026 CRM OJ
Skutterudite, an ore for the critical material cobalt.  | Photo: James St. John/flickr (CC BY 2.0)
13 May 2026, 
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FOCUS Online

Wenn US-Präsident Donald Trump in dieser Woche auf den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping trifft, dann wird auch die deutsche Industrie sehr genau hinschauen. Denn der Handelskonflikt der beiden Weltmächte hat hierzulande bereits im vergangenen Jahr um ein Haar zu Produktionsstopps geführt. Deutschlands Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen sorgt spätestens seitdem für große Unruhe in Politik und Wirtschaft. Doch wie kommen wir aus dieser schwierigen Lage heraus?

Florian Klumpp vom Berliner Global Public Policy Institute (GPPi) kennt Lösungen. Denn er ist Hauptautor einer neuen Studie, die sich mit genau diesem Thema beschäftigt. Der deutschen Politik stellt er ein beunruhigendes Zeugnis aus. Hat sie wirklich noch nicht verstanden, wie bedrohlich die Lage ist?

Herr Klumpp, mal angenommen, China würde die deutsche Industrie von heute auf morgen nicht mehr mit kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden beliefern. Was würde dann passieren?

Die Industrie würde sofort vor Produktionsstopps stehen. Betroffen wären fast alle deutschen Kernindustrien, denn wir brauchen diese Rohstoffe in der Automobilindustrie – insbesondere für Elektroautos –, für die Energiewende, für die Digitalisierung und auch für unsere Rüstungsproduktion. Bei einem chinesischen Lieferstopp wären nicht nur Arbeitsplätze in Gefahr. Deutschlands Sicherheit stünde auf dem Spiel.

Florian Klumpp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin. Er beschäftigt sich mit Industrie‑, Technologie- und Klimapolitik und mit den Beziehungen Europas zu China und anderen ostasiatischen Ländern.

Gibt es in Deutschland denn keine Vorräte an Seltenen Erden?

Kaum. Der Staat betreibt keine strategische Lagerhaltung. Denn die Politik will, dass sich die Unternehmen selbst kümmern. Und von den Unternehmen gibt es wenig Informationen über eine eigene Lagerhaltung. Einige Firmen, etwa aus dem Verteidigungsbereich, behaupten zwar, dass sie vorsorgen würden, aber das lässt sich kaum überprüfen. Die Unternehmen schauen eben auf die Kosten. Sie setzen auf Just in Time“ statt Just in Case“, weil das Geld spart.

In Ihrer neuen Studie schreiben Sie, dass andere Länder – wie die USA oder Japan – viel weiter darin seien, sich aus der Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden zu befreien. Wieso haben wir in Europa immer noch nicht begriffen, wie gefährlich die Lage ist?

Gerade in Deutschland betrachten wir kritische Rohstoffe noch immer als normale Handelsgüter. Wir verkennen ihren strategischen Wert etwa für unsere Verteidigung und unterschätzen, wie sehr uns Lieferstopps treffen. China nutzt unsere Abhängigkeit für wirtschaftlichen und politischen Zwang. Und die Politik hierzulande denkt, der Markt löse das Problem weitestgehend allein und es brauche nur schnellere Genehmigungsverfahren und finanzielle Unterstützung für Projekte. Aber das bricht Chinas Marktdominanz nicht. Wir müssen umdenken.

Was genau müsste geschehen?

Der Staat muss den Markt aktiv gestalten. Wir brauchen strategische Lager, müssen die Nachfrage für alternative Projekte garantieren und die Preise absichern.

Aber gleichzeitig hat China doch gar kein Interesse daran, dass Deutschland eine eigene Lagerhaltung aufbaut, weil man dann ein Stück weit an Einfluss verlieren würde. 

Zuerst einmal: Lagerhaltung kann uns viel schneller helfen, als etwa selbst in den Abbau von kritischen Rohstoffen einzusteigen. Soweit möglich, müssen wir Lager mit Rohstoffen aus anderen Ländern füllen. Und gegenüber China müssen wir politisches Kapital einsetzen. Die EU besitzt seit 2023 ein Instrument gegen Zwang – das Anti-Coercion-Instrument –, nutzt es aber bisher nicht.

Was genau kann das Anti-Coercion-Instrument?

Damit könnte die EU weitreichende Gegenmaßnahmen in Kraft setzen, wenn die Mitgliedstaaten zustimmen. So könnte sie Importe beschränken oder Zölle einführen. Die EU sollte dieses Instrument mit Unterstützung von Deutschland aktivieren, um Gegendruck aufzubauen. Klein beizugeben hat in der Vergangenheit nichts gebracht.

Sind wir überhaupt mächtig genug, um uns China entgegenzustellen?

Wir sollten uns nicht zu klein machen, weder gegenüber den USA noch gegenüber China; wir haben mehr Druckmittel, als wir denken. So hat Peking momentan mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Denn das chinesische Wachstumsmodell steht unter Druck. Und für China ist der Zugang zum europäischen Markt elementar. Deshalb hat Europa durchaus die Möglichkeit, wirtschaftlichen Gegendruck aufzubauen.

Dafür braucht es Einigkeit in der EU. Was sollte Deutschland tun, damit wir zu einer gemeinsamen europäischen Strategie kommen?

Wir können Deutschland nur raten, sich mit seinem Gewicht hinter viele Maßnahmen zu stellen, die die Europäische Kommission bereits vorgeschlagen hat, etwa das Critical Raw Materials Centre. Hiermit will die Kommission die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen bei einer Institution in der EU bündeln und Einkäufe koordinieren. Außerdem soll die Institution strategische Vorräte koordinieren und Investitionen in Rohstoffprojekte steuern. Aber es wird noch etwas dauern, bis die Gelder bereitstehen und dieses Zentrum aktiv werden kann. Bis dahin sollte Deutschland mit einer Koalition der Willigen vorangehen, also mit anderen europäischen Staaten nationale Mittel für gemeinsame Projekte sowie Nachfrage- und Preisinterventionen bündeln.

Eine Möglichkeit, bei den Seltenen Erden unabhängiger von China zu werden, wäre es, eigene Quellen hier in Europa zu erschließen. Wie realistisch ist es, dass das passiert?

Bislang gibt es für Seltene Erden einige Projekte in der Erkundungs- und Entwicklungsphase, beispielsweise in Schweden oder Norwegen. Abgebaut in relevantem Maßstab wird aber bisher nicht. Genehmigungen dauern zu lange und es fehlt Geld. Zudem sollten wir nicht nur auf den Bergbau schauen. Das Nadelöhr liegt meist in der Weiterverarbeitung. Doch die Projekte kommen nur, wenn wir die Nachfrage zu kostendeckenden Preisen garantieren. Dabei sollten die alternativen Anbieter nicht fürchten müssen, dass China sie unterbietet.

Die Nachfrage garantieren? Sollen sich deutsche Unternehmen also dazu verpflichten, teurere Produkte abzunehmen?

Das kommt aufs Material an, aber Selbstverpflichtungen allein helfen selten. Es braucht konkrete Vorgaben und Anreize zur Diversifizierung. Bei Materialien, die in großen Mengen im Umlauf sind – wie etwa Kupfer – müssen Unternehmen tatsächlich mehr Verantwortung tragen und ihre Quellen selbst diversifizieren. Bei Rohstoffen wie Seltenen Erden schlagen wir aber vor, dass der Staat die Differenz zum höheren Produktionspreis der alternativen Anbieter ganz oder teilweise übernimmt. So müsste die Industrie den Aufpreis für resilientere Lieferketten nicht allein tragen, der Staat federt in bestimmten Fällen Mehrkosten ab. 

Der Staat macht jetzt schon Schulden. Wie soll das gehen? 

Ein Produktionsstopp, wenn China den Hahn zudreht, kostet viel mehr. Geschäftsmodelle von Unternehmen würden gefährdet. Der Staat muss finanziell reingehen und Vorgaben machen, sonst bleiben wir politisch erpressbar. Und es geht um überschaubare Summen.

Wir haben das einmal für Lithiumcarbonat überschlagen. Hier wären aktuell ca. 240 Millionen Euro pro Jahr nötig, um die Mehrkosten für 40 Prozent des EU-Bedarfs aus heimischer Verarbeitung zu überbrücken. Und das ist ein Rohstoff, den wir in vergleichsweise hohen Mengen benötigen. Andere kritische Rohstoffe wie Seltene Erden oder Gallium sind zwar teuer, aber wir brauchen nur recht wenig davon. Das heißt, wenige eigene Projekte können viel bewirken.

Welche weiteren Möglichkeiten, Abhängigkeiten zu reduzieren, gibt es?

Wir könnten Rohstoffe aus Produkten gewinnen, die bei uns schon im Markt sind – also recyceln. Das ginge bei einigen Materialien recht gut, bei anderen weniger. Außerdem könnten wir die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen reduzieren, indem wir Effizienzen steigern. Zudem könnten wir kritische Rohstoffe in einigen Prozessen durch andere Materialien ersetzen. Hier braucht es jedoch noch Forschung.

Lassen Sie uns noch einmal auf das Schreckensszenario vom Anfang kommen: Wie realistisch ist es denn, dass China uns bei den Seltenen Erden den Hahn abdreht?

Von heute auf morgen passiert das wohl nicht. China möchte die Exporte auch gar nicht stoppen, weil es dann ja ein Werkzeug gegen uns aus der Hand geben würde. Aber nachdem China im Zuge des Handelskonfliktes mit den USA im vergangenen Jahr Exportkontrollen für Seltene Erden eingeführt hatte, mussten einige Firmen – auch hier in Deutschland – ihre Produktion drosseln. Später kamen zwar wieder Lieferungen an, aber sie reichten gerade so, um das aktuelle Produktionsniveau aufrechtzuerhalten. Und dieses Jahr könnten uns erneut Lieferstopps bevorstehen.

Im vergangenen Herbst wollte China die Exportkontrollen verschärfen, setzte die Verschärfungen jedoch dann um ein Jahr aus. Jetzt steht uns ein Treffen der Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping bevor. Angenommen, die beiden einigen sich nicht auf ein Abkommen, dann könnte China ab dem Herbst etwa Lieferungen an die Verteidigungsindustrie weltweit untersagen. Das hielte ich für ein sehr wahrscheinliches Szenario.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass wir in fünf bis zehn Jahren tatsächlich unabhängig von China sind?

Völlige Unabhängigkeit ist ein großes Wort. Bei Stoffen wie Gallium oder Lithium können wir große Schritte machen. Bei anderen kritischen Rohstoffen ist es wegen der komplexen Prozesse extrem schwer. Europa allein schafft das nicht. Wir brauchen Partner wie Kanada, Japan, Brasilien, Australien oder die USA. Aber: Es braucht eigentlich gar nicht so viel. Wenn man Kosten und Nutzen vergleicht, ist der Fall klar. Die Summen sind im Vergleich zum Problem überschaubar. Es ist machbar.

Diese Publikation wurde ursprünglich am 12. Mai 2026 von Focus veröffentlicht.