Weniger China, mehr Einfluss
Darum ist das Abkommen zwischen EU und Indien so wichtig
Als „Mutter aller Deals“ beschrieben der indische Premier Narendra Modi und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gleichklang das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU, das sie am Dienstag in Delhi bekanntgaben. Auf den ersten Blick überrascht diese Einschätzung. Die EU hat Abkommen, die tiefer gehen. Aber ein genaueres Hinschauen macht klar, dass dieser Superlativ gerechtfertigt ist. Indien und die EU haben nach 19 Jahren Verhandlungen Geschichte geschrieben und ihre Beziehungen auf ein neues Niveau gehoben.
Nicht nur die Bilder sprechen eine eindeutige Sprache: Europas Gallionsfiguren von der Leyen und António Costa, Präsident des Europäischen Rates, als Ehrengäste beim indischen Nationalfeiertag an einem sonnigen und klaren Tag im sonst smoggeplagten Delhi.
Abbau von Abhängigkeiten
Für Indien, den weltweit viertgrößten Wirtschaftsraum, ist die Vereinbarung mit dem zweitgrößten Wirtschaftsraum EU das bedeutendste jemals abgeschlossene Abkommen. Lange Zeit hatte sich Indien hinter hohen Zollmauern und anderen Handels- und Investitionsschranken abgeschottet.
Zunehmend erkennen Indiens Eliten, dass das Ziel, zum 100. Bestehen 2047 das Pro-Kopf-Einkommen eines voll entwickelten Industrielandes zu haben, nur durch mehr Handels- und Investitionsabkommen sowie aggressive eigene Reformen zu erreichen ist.
Für Europa ist das Abkommen mit Indien noch stärker als die Mercosur-Vereinbarung mit Lateinamerika die bislang überzeugendste Umsetzung der Agenda der „offenen strategischen Autonomie“. Europa versucht mit dieser Agenda den Abbau von Abhängigkeiten bestmöglich mit fortgesetzter Offenheit für Handel und Kooperation zu verbinden.
Europa muss mit Nachdruck Abhängigkeiten sowohl vom US-Markt als auch von China bei Absatzmärkten und Lieferketten reduzieren. Mit Donald Trumps Zollpolitik, Chinas Nutzung von Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen als Waffe sowie dem explodierenden Handelsbilanzdefizit mit China ist dies im vergangenen Jahr für Deutschland noch einmal dringender geworden.
Indien ist dafür ein idealer Diversifizierungspartner. Gemeinsam repräsentieren die EU und Indien einen Markt von zwei Milliarden Menschen mit 25 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts.
Kommissionspräsidentin von der Leyen hebt richtigerweise hervor, wie stark sich die Volkswirtschaften ergänzen: Indiens qualifizierte Arbeitnehmerschaft, Dienstleistungen und Skaleneffekte einerseits, Europas Technologie, Kapital und Innovation andererseits. Und auch Indien, so möchte man ergänzen, hat in einigen kritischen Technologien wie der Raumfahrt wichtige Innovationen hervorgebracht, von denen Deutschland und Europa profitieren können. Und gerade bei der Anwendung künstlicher Intelligenz in der Industrie sollten Deutschland und Indien die Zusammenarbeit vertiefen.
Das Potenzial für die Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen ist enorm. Bislang ist Indien nicht einmal unter den Top 20 der deutschen Handelspartner. Mit dem Freihandelsabkommen werden Zölle in zentralen Bereichen für die deutsche Industrie Schritt für Schritt gesenkt.
Kurzfristig ist der Effekt für Deutschland überschaubar: +0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so die Berechnung des Wirtschaftswissenschaftlers Gabriel Felbermayr. Diese Vorteile werden im Zeitverlauf zunehmen, aufgrund immer stärker greifender Zollsenkungen und des erwarteten rapiden Wachstums der indischen Wirtschaft.
Es zeigt auch den zunehmenden Pragmatismus Europas
Auch bei Lieferketten kann Indien einen wichtigen Beitrag zur Diversifizierung leisten, etwa im Pharmabereich. Dies setzt jedoch voraus, dass Indien seine eigenen Abhängigkeiten gegenüber China reduziert. Solange Indien pharmazeutische Vorprodukte weiter von dort importieren muss, ist es kein Garant für die Verringerung von Abhängigkeiten gegenüber China.
Darüber hinaus ist das Abkommen zwischen der EU und Indien ein wichtiges globales Signal. Während der US-Präsident die Welt mit Zöllen überzieht und Peking wirtschaftliche Abhängigkeiten als Waffe einsetzt, entscheiden sich die beiden anderen zentralen weltwirtschaftlichen Akteure für den Weg der Kooperation.
Dass die EU und Indien diese Woche auch eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft unterzeichnet haben, unterstreicht den breiten politischen Anspruch. Es zeigt auch den zunehmenden Pragmatismus Europas. Russland wird ein wichtiger Partner Indiens bleiben, aber dies verdeckt nicht den Blick Europas auf die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie sowie bei Sicherheitsfragen. Gerade auch im Indischen Ozean, der für europäische Handelswege zentral ist.
Bei alledem sollte Deutschland sich einen realistischen Blick bewahren auf das Verhältnis zu Indien. Auch die Beziehungen zu China waren wirtschaftlich vor 20 Jahren von fast perfekter Komplementarität geprägt – dies hat sich mittlerweile dramatisch umgekehrt. Dies gilt es im Falle Indiens zu vermeiden.
Auch sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, dass globale Handelsabkommen für Deutschland wirtschaftlich nützlich sind, beim Abbau von Abhängigkeiten helfen und der volkswirtschaftliche Nutzen einer entschlossenen Vertiefung des EU-Binnenmarkts um einiges höher ist.
Und bei alldem gilt: Das neue EU-Indien-Abkommen liefert nur den Rahmen. Die richtige Arbeit, es mit Leben zu füllen, beginnt erst jetzt. Dafür braucht es unbedingt mehr Austausch und bessere Indienkompetenz. Gerade in Deutschland sollten wir darin massiv investieren.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 28. Januar 2026 im Tagesspiegel veröffentlicht.