Mehr Realismus wagen!
Mark Carneys Rede in Davos ist weit und breit die beste Positionsbestimmung eines westlichen Staatschefs, wie Mittelmächte den gegenwärtigen weltpolitischen Moment navigieren können. Der kanadische Premierminister hat seine Botschaften zum bestmöglichen Moment platziert. US-Präsident Donald Trump schwingt seit einem Jahr die Abrissbirne gegen die internationale Ordnung und Allianzen, die seit acht Jahrzehnten im Zentrum der US-Außenpolitik stehen. Mit seinen unverhohlenen Drohungen gegen den NATO-Partner Dänemark, Grönland zu annektieren, erreichte Trumps Wüten aus der Sicht der US-Verbündeten einen traurigen Höhepunkt. „Es reicht!“, war die Reaktion nicht nur von Seiten des deutschen Vizekanzlers Lars Klingbeil, sondern vieler, die genug haben vom Schulhofschläger-Narzissmus des US-Präsidenten und seiner Lautsprecher. Carney verbindet dieses „Es reicht!“ mit einer Positivagenda, wie Mittelmächte gemeinsam nicht nur Gegenmacht bilden können, sondern gemeinsam in neuen Kooperationsformaten globale Herausforderungen angehen.
Das ist keine neue Idee. Vieles erinnert an die „Allianz für Multilateralismus“, die Deutschland während der ersten Amtszeit Trumps gemeinsam mit Frankreich und Kanada vorangetrieben hat. Doch Carney setzt zwei wichtige neue Akzente in der Analyse. Zum einen spricht er klar davon, dass wir uns mitten in einem „Bruch“ befinden, nicht in einer „Übergangsphase“. Die „Allianz für Multilateralismus“ ging noch davon aus, dass man die Trump-Verirrung nur überwintern müsse. Die Wette war: Mittelmächte würden die multilaterale Ordnung mit zusätzlichen Mitteln stabilisieren, bis nach Trump eine neue US-Regierung wieder die gewohnte Führungsrolle übernimmt. Deutschland etwa steigerte während der ersten Amtszeit Trumps seine Ausgaben für humanitäre Hilfe deutlich.
Carneys Diagnose des „Bruchs“ macht klar, dass es aus seiner Sicht nach einem Ende der Amtszeit Trumps keine Rückkehr zum Status quo ante geben wird. Schon jetzt ist klar, dass westliche Mittelmächte den Wegfall der US-Finanzmittel für internationale Institutionen nicht kompensieren können. Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe sinken auch in anderen G7-Staaten wie Deutschland und Großbritannien sehr deutlich.
Zum anderen beerdigt Carney die wohlfeile Formel der „regelbasierten internationalen Ordnung“, die bislang in keiner Sonntagsrede eines G7-Staatschefs fehlen durfte. Das ist ein wichtiger Schritt, weil Carney damit die Anschlussfähigkeit an die vielen Länder des Nicht-Westens erhöht, die seit Langem die Scheinheiligkeit und Doppelstandards der „regelbasierten internationalen Ordnung“ kritisiert hatten. Als eine deutsche Teilnehmerin an einem unserer Programme beim GPPi (Global Public Policy Institute) vor einigen Jahren zu einer Ode auf die regelbasierte Ordnung ansetzte, erntete sie damit das Entsetzen der südafrikanischen Vertreter. Carney erkennt die Gründe für dieses Entsetzen heute an. Das ist ein wichtiger Schritt.
Warum es Carney an Aufrichtigkeit fehlt
Die Art und Weise allerdings, in der Carney all dies tut, zeugt von mangelnder Ehrlichkeit. Der kanadische Premier veredelt seine Rede moralisch durch Rückgriff auf den tschechischen Dissidenten Václav Havel. Dieser hatte in einem Essay von der „Macht der Machtlosen“ geschrieben, wie das kommunistische System auf der Bereitschaft aller zum „Leben in einer Lüge“ beruhte. Genauso wie der Gemüsehändler Havels, der jeden Morgen einen kommunistischen Slogan ins Fenster gestellt habe, hätten Staaten die Formel „regelbasierte internationale Ordnung“ bekräftigt. Es sei an der Zeit, diese Schilder zu entfernen, sagt Carney. Diese Analogie ist gleich mehrfach falsch.
Anders als der Kommunismus hat der Hegemon USA keinen seiner Verbündeten zum gemeinsamen Bekenntnis zur regelbasierten internationalen Ordnung gezwungen. Die US-Hegemonialordnung war gegenüber den europäischen Verbündeten und Kanada ein „Empire by Invitation“, wie es der norwegische Historiker Geir Lundestad formuliert hat. Und gerade nach dem Ende des Kalten Krieges offerierte die US-Ordnung westlichen Verbündeten einen großartigen Deal. Wir profitierten von einer bedingungslosen Sicherheitsgarantie und offenen US-Märkten für unsere Industrieprodukte. Wir konnten uns politisch gegen zentrale US-Entscheidungen stellen, wie etwa den Irak-Krieg, ohne dafür Konsequenzen zu fürchten. Gerhard Schröder gewann sogar eine Bundestagswahl damit. Gleichzeitig konnten wir unter dem Schutzschild der unipolaren US-Dominanz nominell eine „wertebasierte Außenpolitik“ verfolgen und mit dem „Brüssel-Effekt“ und der „normativen Macht Europas“ die Welt beglücken. Es ist Havel-Blasphemie, den historisch einmaligen Glücksmoment für US-Partner während des „unipolaren Moments“ mit dem Zwangsregime des Kommunismus zu vergleichen.
Auch ist das Entfernen des Schilds „regelbasierte internationale Ordnung“ kein heroischer Akt gegenüber Trump. Man kann Trump viel vorwerfen, aber sicherlich nicht, dass er seine nackte Machtausübung durch Rückgriff auf internationale Normen rechtfertigt. In diesem Sinne steht Trump für das Ende der Scheinheiligkeit. Kritiker aus dem Nicht-Westen werden sich heute eher nostalgisch an die Zeit erinnern, als sie die US-Machtausübung noch als scheinheilig kritisieren konnten. In erfrischender Ehrlichkeit argumentierte Trump neulich, dass er „kein Völkerrecht benötige“ und sich nur durch seine eigenen Moralvorstellungen eingeschränkt sehe. Das Schild „regelbasierte internationale Ordnung“, das Carney in Davos demonstrativ aus dem Fenster nehmen wollte, hatte Trump längst verbrannt.
Und was ist mit China?
Es trägt nicht zu Carneys Glaubwürdigkeit und Ausgewogenheit bei, dass er in seiner Rede fast nur das machtpolitische Wüten der USA unter Trump in den Blick nimmt. Chinas Machtausübung kommt bei ihm kaum vor. Kurz vor seinem Auftritt in Davos hatte Carney Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in Peking die Ehre erwiesen. Der kanadische Premier vereinbarte Handelserleichterungen und bekräftigte die „neue strategische Partnerschaft“ zwischen Kanada und China als Antwort auf die „neue Weltordnung“. Carneys Schild „strategische Partnerschaft“ für die Beziehungen zu einem real existierenden kommunistischen Regime hat mehr Havel-Anklänge als der Vergleich zur regelbasierten internationalen Ordnung. Mit dem Diktum „In Wahrheit leben“ hat es jedenfalls nichts zu tun.
Als weiteres neues Schild stellt Carney den „wertebasierten Realismus“ ins Schaufenster – einen Begriff, den er vom finnischen Präsidenten Alexander Stubb übernommen hat. Klingt nobel und zupackend zugleich. Doch das Ganze ist beim genauen Hinschauen doch auch zu viel moralisierende Veredelung eines sehr nüchternen, interessenbasierten Realismus, den Carney verfolgt. „Optionalität“, „Balancing“ sowie „Hedging“ sind dafür die richtigen Begriffe, nicht „wertebasiert“. Interessen stehen im Vordergrund, Werte sind optional. Sie kommen dann zum Tragen, wenn sie den Interessen stark entsprechen bzw. in der Interessenabwägung nicht von anderen Faktoren verdrängt werden. Und angesichts der Welt, mit der sich Kanada und auch Deutschland konfrontiert sehen, kann dies ein sinnvoller Ansatz sein – wenn er gegenüber China mit dem nötigen Realismus betrieben wird. Kanada und auch Deutschland können sich mehr Ehrlichkeit in der Kommunikation dieses Ansatzes zumuten.
Kärrnerarbeit statt Glamour
Carney ist dort stark, wo er brutal ehrlich ist: „Die alte Ordnung kommt nicht zurück. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie.“ Das ist eine sehr ungeschminkte Diagnose. Aber Carney stoppt dort nicht. Er verspricht: „Aber aus dieser Zäsur können wir etwas Besseres, Stärkeres und Gerechtes aufbauen.“ Sicherlich: Man braucht ein gerüttelt Maß an utopischem Überschuss, um in der Gegenwart nicht zum Zyniker zu werden und Energie für konstruktives Handeln zu mobilisieren. Aber es ist ein schmaler Grat zwischen motivierender Ambition und illusionärem Heilsbringertum. Auf internationaler Ebene wird es aus kanadischer und europäischer Sicht schwer sein, im Schatten machtpolitisch wütender Großmächte eine „bessere und stärkere“ internationale Ordnung aufzubauen. Erst einmal ist jede Menge wenig glamouröse Kärrnerarbeit vonnöten, um Abhängigkeiten und Erpressbarkeiten gegenüber den Großmächten zu reduzieren. Für Deutschland und Europa heißt dies: Mit aller Macht daran arbeiten, Europa eigenständig verteidigen zu können und die Abhängigkeiten bei Lieferketten und kritischen Rohstoffen gegenüber China drastisch verringern.
Deutschland und Europa sollten dabei Carneys Aufruf folgen, dass sich Mittelmächte sowohl defensiv als auch offensiv zusammenschließen sollten. Das allein wird schwer genug. Carney diagnostiziert richtig: „In einer Welt der Rivalität zwischen Großmächten haben die Länder dazwischen die Wahl: entweder miteinander um Gunst zu konkurrieren oder sich zusammenzuschließen, um einen dritten Weg mit Einfluss zu schaffen.“ Doch das ist leichter gesagt als getan, gerade wenn Peking und Washington sich entschließen, die Kunst des Divide et impera (teile und herrsche) mit größerer Fertigkeit anzuwenden.
Ein realistischer Umbau
Zu Ende gedacht heißt Carneys Aufruf, dass sich Mittelmächte zu einer Anti-Zwangs-Solidaritätsallianz zusammenschließen, wenn einzelne von Zwangsmaßnahmen durch Großmächte betroffen sind. Das hieße dann zum Beispiel konkret, dass sich Europa und Kanada klar und messbar mit Japan solidarisiert hätten im Lichte der Zwangsmaßnahmen Pekings infolge der Äußerungen der japanischen Premierministerin zu Taiwan.
Carney hat recht, wenn er flexiblen, interessenbasierten Koalitionen der Willigen und Fähigen das Wort redet. Diese können außerhalb bestehender internationaler Organisationen agieren. Aber auch innerhalb des UN-Systems müssen Kanada und Europa gemeinsam mit gleichgesinnten Partnern an einem realistischen Umbau arbeiten. Viele Aktivitäten und Organisationen müssen neu aufgestellt werden, um mit weniger Finanzmitteln bestmöglich zu operieren. Das erfordert etwa im humanitären System den Mut zur Schwerpunktsetzung und zum Umbau, um ein reines Ausbluten und unproduktives Dahinsiechen zu verhindern.
All das ist den Schweiß der Edlen wert, auch wenn es sich moralisch nicht immer veredeln lässt. Am Ende aber sorgt vielleicht gerade dies auch außerhalb des Westens für mehr Glaubwürdigkeit kanadischer und europäischer Außenpolitik.
Dieser Artikel wurde erstmals am 27. Januar 2026 von Internationale Politik veröffentlicht.