Wir sollten Trumps Grönland-Obsession ernst nehmen
Die „Donroe-Doktrin“ sei wie die „Monroe-Doktrin auf Steroiden“, sagte US-Präsident Donald Trump voller Stolz. Die Botschaft seiner völkerrechtswidrigen Machtdemonstration gegenüber Venezuela ist klar. US-amerikanische „Dominanz in der westlichen Hemisphäre“, so ein triumphaler Trump, würde „nie wieder in Zweifel gezogen“. Trump hatte seine Ergänzung der Monroe-Doktrin, welche sich 1823 gegen jegliche Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents durch europäische Mächte richtete, im Dezember in der Nationalen Sicherheitsstrategie kodifiziert.
Der Völkerrechtler Kai Ambos sieht darin die Renaissance von Carl Schmitts Theorie der regionalen Einfluss- und Großraumsphären, die der „Kronjurist des Dritten Reichs“ Ende der 1930er-Jahre in seiner Schrift „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ entwickelte. Laut Ambos erleben wir „eine Aufteilung der Welt in Bereiche, in denen die wenigen Großmächte letztlich machen können, was sie wollen: Russland in Osteuropa, die USA in Lateinamerika, China in Südostasien“.
Doch es ist alles andere als ausgemacht, dass sich die USA unter Trump auf die Heimatregion zurückziehen. Im Gegenteil: Für Trump ist es per se kein Widerspruch, die eigene Hemisphäre zu dominieren und weiterhin globale Machtprojektion zu betreiben, insbesondere gegen chinesisches Hegemoniestreben im Indopazifik. Klar besteht das Risiko von Trump-Deals mit Peking und Moskau zulasten Dritter. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass Trump dabei etwa Xi einen Freibrief zur Besetzung Taiwans gibt. Das Hauptproblem ist seine Unverlässlichkeit sowie die mangelnde langfristige Strategie, Peking gemeinsam mit Partnern militärisch und wirtschaftlich zu begegnen. Auch deshalb werden die Stimmen in Japan und Südkorea, welche die Notwendigkeit eigener Atomwaffen zur Abschreckung betonen, lauter.
Für das sich als Bastion des Völkerrechts sehende Europa sollte endgültig klar sein: Trump pfeift auf jegliche universellen Prinzipien. Es gilt die reine Machtpolitik. Souveräne Gleichheit der Staaten ist für Trump eine reine Fiktion. Damit denkt er ähnlich wie Putin und Xi, deren Ideologen auch in den letzten Jahren Carl Schmitt für sich entdeckt haben. Für Xis Abwägung, ob er den Einverleibungsschlag gegen Taiwan wagt, ist es komplett irrelevant, ob Europa dies völkerrechtlich verurteilt. Für ihn zählen nur militärische und wirtschaftliche Kosten und Risiken.
Sicher: Europa sollte sich weiterhin mit anderen Mittelmächten und den vielen kleineren Staaten zusammentun, um völkerrechtliche Errungenschaften bestmöglich zu verteidigen. Doch so bedauerlich es ist: Durch rhetorischen Einsatz für das Völkerrecht wird Europa in der Welt der nackten Machtpolitik nicht überleben. Europa muss vielmehr selbst massiv in Machtressourcen investieren, um Großmächte militärisch und wirtschaftlich abschrecken zu können. Es ist deshalb höchst fahrlässig, dass die europäischen Nato-Mitglieder immer noch keinen belastbaren Fahrplan zur Übernahme der kritischen Fähigkeiten zur Verteidigung Europas vorgelegt haben, die aktuell von den USA bereitgestellt werden.
Das macht Europa weiterhin leicht erpressbar durch die USA. Dies ist eine schlechte Voraussetzung, um sich gegen Trumps Fixierung auf die Einverleibung Grönlands als nächste Trophäe zu wehren. Die Lehre aus Venezuela ist: Wir sollten Trumps Grönland-Obsession sehr ernst nehmen. Dänemarks und Grönlands Regierungschefs schlagen nicht grundlos Alarm. Eine der wichtigsten Aufgaben von Kanzler Friedrich Merz ist es, innereuropäisch in dieser Frage Geschlossenheit zu organisieren.
Die erfolgversprechendste Strategie ist es, zu helfen, Gegenmacht in den USA gegen Trumps Grönland-Imperialismus zu organisieren – im Kongress und in der Öffentlichkeit. Laut Umfragen gibt es keine Mehrheit für Trumps Grönland-Pläne. Trumps vorgeschobene Wirtschafts- und Sicherheitsargumente lassen sich leicht entkräften. US-Firmen können dort frei investieren, zeigen jedoch bislang wenig Interesse. Die USA haben jetzt schon alle Möglichkeiten der Sicherheitskooperation auf Grönland. Dänemark hat in zusätzliche militärische Ressourcen investiert.
Trump hat sich darüber als Anschaffung „eines weiteren Hundeschlittens“ lustig gemacht. Von Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom lässt sich lernen, wie man Trumps gefährlichem Popanz durch Überzeichnung und Sarkasmus begegnen kann. Eine Kampagne über Trump als Husky-Imperator von Grönland, während sich viele Amerikaner daheim den Alltag nicht mehr leisten können, könnte durchaus Erfolg haben.
Dieser Kommentar wurde erstmals am 6. Januar 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.