Bezos’ 100-Milliarden-Fonds sollte Europa aufrütteln
Amazon-Gründer Jeff Bezos ist dabei, einen 100 Milliarden US-Dollar schweren Investmentfonds aufzulegen, mit einem Ziel: Industrieunternehmen aufkaufen und mithilfe von KI-Technologien transformieren. Sollte Bezos sein Finanzierungsziel erreichen, würde sein neues Vehikel viele vergleichbare Beteiligungsgesellschaften in den Schatten stellen.
US-Senator Bernie Sanders reagierte letzte Woche mit Empörung auf Bezos’ Pläne. Oligarchen würden einen totalen Krieg gegen Arbeiter führen. Nicht nur wolle Bezos im eigenen Unternehmen 600.000 Arbeiter durch Roboter ersetzen. Diese Automatisierung wolle er jetzt überall in Fabriken tragen. Sanders schließt mit einem Aufruf zum Widerstand: „Wehrt euch.“ Man kann schon Echos der Heuschreckendebatte hören, die Franz Müntefering vor mehr als zwei Jahrzehnten gegen Finanzinvestoren angestoßen hatte.
Der damalige SPD-Chef wetterte damals gegen Investorenschwärme, „die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben“.
Angesichts der drohenden Massenentlassungen werden die Treiber von KI-Automatisierung ins Zentrum öffentlicher Proteste rücken. Die sozialverträgliche Gestaltung wird eine der zentralen Herausforderungen der Politik des nächsten Jahrzehnts sein.
Doch in Europa kann eine neue Maschinenstürmerei nicht die Antwort auf die KI-Revolution sein. Europäische Industrieunternehmen werden KI zur Prozessoptimierung und für neue Wertschöpfung nutzen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es ist auch eine Chance.
Deutschland und Europa sind nicht führend bei KI-Modellen, aber sie können beim Einsatz in der Produktion aufgrund der Stärken in der Industrie eine zentrale Rolle spielen. Aber dies ist kein Selbstläufer. Die KI-Führungsnationen China und USA wollen auch diesen Prozess dominieren. Pekings neuer Fünfjahresplan setzt auf Dominanz bei der industriellen Anwendung von KI. Und Bezos’ Modell könnte Schule machen unter US-Investoren.
Im Zentrum steht das Start-up Prometheus
Europäische Industrie und Politik müssen Tempo machen, wenn sie selbstbestimmter Player und nicht reines Spielfeld sein wollen. Der Plan des Amazon-Gründers, Private Equity mit Technologieexpertise zu verbinden, ist ambitioniert. Im Zentrum steht das Start-up Prometheus, das sich auf KI-Modelle zur Anwendung in der Industrie spezialisiert. Bezos setzt auf Skalen- und Lerneffekte bei der Anwendung in vom geplanten Fonds gekauften Unternehmen und bei der Hebung ihrer Datenschätze.
Sicher gibt es große Hürden bei der Anwendung von KI auf die Industrieproduktion. Doch wenn Bezos’ Wette aufgeht, würde er damit große industrielle Kapazitäten in einer von ihm kontrollierten technologiegetriebenen Plattform bündeln und kontrollieren – auch in Europa, das mit seinen industriellen Stärken wichtiges Akquiseziel des Bezos-Fonds ist.
Peking und US-Investoren wie Bezos (und ihre Unterstützer aus dem Golf) denken groß. Deutschland und Europa müssen dem einen ebenso ambitionierten Plan entgegensetzen und dafür Kapital und Expertise mobilisieren. Ziel sollte die selbstbestimmte Transformation der Industrie sein. Mit einem klugen Zusammenspiel von ambitionierten Industrie-CEOs, Transformationspartnern mit der nötigen KI-Expertise und Kapital kann dies gelingen. Voraussetzung ist ein förderliches regulatorisches Umfeld.
Siemens-Chef Roland Busch hat jüngst betont, dass es etwa beim Datenaustausch zwischen Unternehmen weniger restriktive Regeln braucht. Dringlich sind zudem das entschiedene Vorantreiben der Kapitalmarktunion sowie der Umbau der Rentensysteme zur Quelle für Investivkapital.
Damit ließe sich die europäische Industrie zukunftsfester machen. Die Verhinderung eines Ausverkaufs ist auch ein Gebot der Außen- und Sicherheitspolitik. Bezos hat Unternehmen in strategischen Sektoren wie Verteidigung, Robotik, Halbleiter und Luftfahrt im Blick. Europa wird auf absehbare Zeit vom Zugang zu US-KI-Technologien abhängig sein. Gerade in einem Szenario, in dem die US-Wette auf den Sprung zu Artificial General Intelligence aufgeht, wird dieser Zugang existenziell sein für die Verteidigungsfähigkeit.
Als Hebel braucht Europa gegenüber den US‑Unternehmen strategische Industriesektoren, die in globalen Lieferketten unverzichtbar sind. Die Frage der KI-Transformation von Wirtschaft und Staat entscheidet über zukünftigen Wohlstand, Souveränität und Sicherheit. Sie gehört ganz zentral auf den Tisch des Kanzlers und des Nationalen Sicherheitsrats.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 26. März 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.