Die ungenutzte Chance Deutschlands in Brasilien
Brasilien ist „in unserer schwieriger werdenden Welt ein Schlüsselpartner“, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz diese Woche in Hannover. Ein Grund dafür ist der Rohstoffreichtum. Brasilien hat weltweit die zweitgrößten bekannten Reserven an seltenen Erden, die für alle zentralen Technologien von Rüstung über Künstliche Intelligenz bis Energiewende von entscheidender Bedeutung sind.
Aktuell befinden sich Deutschland und Europa im Würgegriff Pekings, das über 90 Prozent der Weiterverarbeitung kontrolliert. Die chinesische Führung nutzt diese Abhängigkeiten als Waffe im Rahmen eines immer strengeren Exportkontrollregimes. Rüstungsunternehmen etwa können keine Genehmigung erwarten. Eine Kampfansage gegen die Investitionen in europäische Verteidigungsfähigkeit.
Sollte sich Europa mit Schutzmaßnahmen gegen die Flut chinesischer Industrieprodukte wehren, setze man die Versorgung mit kritischen Rohstoffen aufs Spiel, so die Botschaft aus Peking. Dies ist keine leere Drohung. Letztes Jahr standen bereits einige Bänder still. Im Herbst droht eine weitere Verschärfung der Exportkontrollen.
Deutschland muss mit Nachdruck an alternativen Bezugsquellen arbeiten. Deshalb ist es gut, dass der Bundeskanzler bei den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen betonte: „Wir vertiefen unsere Kooperation im Bereich kritische Rohstoffe.“
Der brasilianische Präsident Lula rollte dafür den roten Teppich aus: „Wenn deutsche Unternehmen nach Brasilien kommen, um mit uns zusammenzuarbeiten und die seltenen Erden in Brasilien zu verarbeiten, dann sind sie willkommen.“ Lula will kritische Rohstoffe nicht einfach exportieren, sondern möglichst viel Wertschöpfung bei der Weiterverarbeitung im Land halten.
Auf dem Papier ist Deutschland dafür ein starker Partner: 1300 mit deutschem Kapital operierende Unternehmen stehen für zehn Prozent der industriellen Wertschöpfung Brasiliens. Doch viel mehr als die in Hannover unterzeichnete „Absichtserklärung über die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit im Bereich kritischer strategischer mineralischer Rohstoffe“ gibt es bislang nicht.
Wie es anders geht, zeigt ausgerechnet die Trump-Regierung. Am Montag gab USA Rare Earth (USAR) bekannt, die Serra-Verde-Gruppe für 2,8 Milliarden US-Dollar zu übernehmen. Für die USA ist das ein Coup: Serra Verde ist der einzige großvolumige Produzent außerhalb Asiens von schweren seltenen Erden („HREEs“), die insbesondere durch ihre Verwendung in Hochleistungsmagneten zentral für Hochtechnologien von Elektromobilität, Windkraft bis hin zu Verteidigung und Luftfahrt sind.
Bis vor Kurzem verkaufte das im brasilianischen Bundesstaat Goiás ansässige Unternehmen seine Förderung komplett an China zur Weiterverarbeitung. 2027 wird Serra Verde nach eigenen Plänen für fast die Hälfte der nicht von China kontrollierten HREE-Produktion verantwortlich sein.
Gemeinsam werden USAR und Serra Verde die erste vollständige „Mine zum Magneten“-Lieferkette außerhalb Asiens schaffen. Die US-Regierung unterstützt USAR mit bis zu 1,6 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig hat Serra Verde mit einer vor allem von der US-Regierung finanzierten Zweckgesellschaft eine 15-jährige Abnahmevereinbarung geschlossen inklusive Mindestpreise für Dysprosium und Terbium.
Trumps Team hat erkannt, dass man Chinas staatlich forcierte Marktdominanz nur durch staatlich garantierte verlässliche Nachfrage für Alternativen brechen kann. Die USA gehen dabei mit flexiblen Instrumenten hemdsärmelig vor und nutzen aufgrund der Bedeutung für die Verteidigungsfähigkeit Spielräume im Verteidigungshaushalt.
Deutschland hingegen verharrt im Normalbetrieb. Es fehlt politische Führung wie etwa ein Sonderstab in unmittelbarer Nähe von Merz und Reiche. Der über die KfW verwaltete Rohstofffonds mit einer Milliarde Euro Gesamtvolumen ist klein, unflexibel und langsam.
In der gemeinsam mit der Otto-Wolff-Stiftung erstellten und im Mai erscheinenden Studie „Wege aus der Abhängigkeitsfalle“ zeige ich mit Kollegen, wie wir von den USA und auch Japan lernen sollten. Gemeinsam mit der Industrie sollte Deutschland im europäischen Verbund und mit globalen Partnern massive Investitionen in mehr Unabhängigkeit forcieren.
Niemand wartet auf Deutschland im globalen Wettrennen um kritische Rohstoffe. Die Kosten von Abhängigkeit und Erpressbarkeit sind astronomisch. Die notwendigen Investitionen sind überschaubar. Man kann sich kaum eine bessere Rendite vorstellen.
Dieser Kommentar wurde ursprünglich am 22. April 2026 im Handelsblatt veröffentlicht.