Merz sollte in Peking nicht auf die Auto-Bosse hören
Am Mittwoch wird Bundeskanzler Friedrich Merz zu seinem Antrittsbesuch in China eintreffen. Er hat dabei eine Truppe von 30 deutschen Wirtschaftsbossen im Schlepptau. Das ist die größte Wirtschaftsdelegation einer Kanzlerreise nach China seit Angela Merkels erster Amtszeit. Doch der Kanzler sollte den Rat der lauten Dax-CEOs in seiner Reisegruppe ignorieren.
Die Vorstände von Volkswagen, BMW und Co. vertreten gegenüber China keine deutschen Interessen. Sie befürworten weitere Produktionsverlagerungen nach China. Viele akzeptieren die Aufrechterhaltung von Abhängigkeiten in Lieferketten, weil sie weiter günstig Vorprodukte aus China beziehen möchten. Das schadet deutschen und europäischen Arbeitsplätzen und macht Deutschland erpressbar.
Chinas globale Dominanz
Die wirtschaftlichen Beziehungen zu China sind heute dramatisch anders als in frühen Jahren der Ära Merkel, als die Exportgeschäfte der deutschen Industrie nach China florierten. 2025 erreichte das Handelsbilanzdefizit mit China den Rekordwert von 87 Milliarden Euro, ein Plus von 20 Milliarden im Vorjahresvergleich. Exporte nach China sind im freien Fall. Die deutsche Wirtschaft exportiert mittlerweile mehr in die USA, nach Frankreich, in die Niederlande, nach Polen und nach Italien.
Peking setzt auf globale Dominanz in den deutschen Traditionsindustrien wie Automobil, Maschinenbau und Chemie – ebenso wie in Zukunftsindustrien wie Robotik und Biotechnologie. Anfang dieses Jahrtausends war Chinas Anteil an der globalen Industrieproduktion sechs Prozent. Heute liegt er bei um die 30 Prozent.
Aufgrund schwacher Binnennachfrage im eigenen Land drückt die chinesische Regierung davon immer mehr zu Kampfpreisen auf den Weltmarkt. Peking spielt dabei nicht nur die Skalenvorteile des riesigen Heimatmarktes, sondern auch die umfassenden Möglichkeiten des autoritären Staatskapitalismus aus, um den eigenen Unternehmen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Hinzu kommen weitsichtige Investitionen in Forschung und Entwicklung. China strebt an, alle relevanten Industrie- und Hochtechnologiegüter selbst herzustellen. Der Asien-Chef der „Financial Times“ fasste es nach einer Reise nach China im letzten Herbst so zusammen: „Es gibt nichts, was China importieren möchte – nichts, von dem es nicht glaubt, es besser und günstiger selbst herstellen zu können, und nichts, bei dem es sich auch nur einen Tag länger als unbedingt nötig auf Ausländer verlassen will.“ Im Jahr 2025 hatte China einen Handelsbilanzüberschuss von 1,2 Billionen US-Dollar.
„Der China-Schock ist da“
Die Folgen für die deutsche und europäische Industrie sind dramatisch. Deutsche Unternehmen in China haben die Produktion stark lokalisiert und importieren immer weniger aus Europa für den Verkauf in China. Dennoch sinken die Marktanteile vieler deutscher Unternehmen in China beständig. Chinesische Unternehmen verdrängen die deutsche Konkurrenz zudem systematisch in Drittmärkten. Ohne Gegenmaßnahmen droht das auch auf dem europäischen Markt. Allein auf dem deutschen Markt, etwa im Maschinenbau, nehmen chinesische Importe massiv zu. Preisvorteile chinesischer Anbieter von oft bis zu 30 Prozent setzen deutsche Firmen unter massiven Wettbewerbsdruck, gespeist aus niedrigeren Produktionskosten, staatlicher Subventionspolitik und einem künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs des Renminbi. Erstmals ist Deutschland im Schlüsselbereich Kapitalgüter insgesamt gegenüber China ins Defizit geraten. In der Automobilindustrie steigen Chinas Exporte exponentiell, von weniger als eine Million Fahrzeugen 2020 auf sieben Millionen in 2025.
„Der China-Schock ist da“, titelte das Institut der Deutschen Wirtschaft im letzten Jahr. Deutschland droht eine massive Deindustrialisierung mit gravierenden sozialen und politischen Verwerfungen. Seit 2019 hat Deutschland weit über 200.000 Industriearbeitsplätze verloren. Weitere Hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze drohen wegzubrechen, gerade in der Automobilindustrie. Gewerbesteuereinnahmen insbesondere in Industriestandorten in Süddeutschland schrumpfen drastisch. Langsam wird klar, was auf dem Spiel steht. „Wenn wir es falsch machen, droht uns das Schicksal von Detroit“, sagte etwa Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, kürzlich.
Von den Automobil-CEOs, die Merz nach China begleiten, kann man sicherlich nicht lernen, wie man es richtig macht. Sicher, die Autobosse haben recht, dass Deutschland überreguliert ist, die eigenen Unternehmen überbürokratisiert sind mit zu hohen Kosten. Sie haben auch recht, dass die Unternehmen weiter versuchen sollten, in China vorn mitzuspielen, um von Innovationskraft und Marktdynamik zu profitieren. Aber sie haben in zentralen Fragen falsche Annahmen und handeln gegen deutsche Interessen.
Nehmen wir Mercedes-Chef Ola Källenius. Er lehnt jeden politischen Klartext dazu ab, wo Peking europäische Interessen bedroht. Stattdessen reproduziert er chinesischen Parteistaatssprech: „Es geht um Win-Win bei Wachstum und Klimaschutz, nicht um ein Gegeneinander.“ Gleichzeitig lobpreist er Pekings fortwährende „Öffnungspolitik“ und spricht von China als „home away from home“ für Mercedes. Dass chinesische Großinvestoren ein knappes Fünftel der Mercedes-Anteile halten, trägt sicherlich zu den Heimatgefühlen bei. Oder die Sorge um die letzten Exporte von Luxusverbrennern nach China. Der Mercedes-Boss spricht sich kategorisch gegen jegliche Schutzmaßnahmen gegenüber China aus. Der zunehmende Export chinesischer Hersteller nach Europa sei eine „natürliche Fortsetzung des Wettbewerbs (…). Das ist Marktwirtschaft. Lasst den Wettbewerb entscheiden“.
Andere Autobosse sprachen sich ebenfalls gegen EU-Schutzzölle aus. Der Grund dafür mag nicht nur naiver Glaube an den freien Wettbewerb mit Chinas autoritärem Staatskapitalismus sein. Einige Autobauer haben in den vergangenen Jahren zunehmend Wertschöpfung und Produktion nach China verlagert. Und der Plan ist offensichtlich, in Zukunft den Weltmarkt, auch den europäischen Markt, aus chinesischer Produktion zu bedienen. Da stehen Zölle nur im Weg. Die Verlierer sind deutsche Arbeitnehmer.
Auch beim Management von Abhängigkeiten stellt sich die Automobilindustrie oft gegen deutsche Interessen. Letzten Herbst hätte die Nexperia-Krise Unternehmen aufschrecken sollen, als Bänder auch in der Automobilindustrie stillzustehen drohten, weil Peking den Export von Halbleitern blockierte. Doch der BMW-Einkaufsvorstand schlussfolgerte, dass es klug sei, verstärkt Halbleiter in China einzukaufen und damit Abhängigkeiten zu vertiefen, schließlich produziere China billig. Das macht Deutschland erpressbar gegenüber China. Das ändert sich nur, wenn wir bereit sind, einen Resilienzaufschlag zu zahlen für weniger Abhängigkeit.
Anreizstrukturen für Dax-Manager spielen hierbei eine zentrale Rolle. Dax-Vorstände haben einen kurzen Zeithorizont. Sie interessieren sich mehr für kurzfristige Kostenziele als für das Management langfristiger Risiken. Es ist kein Zufall, dass Familienunternehmer und nicht Dax-Vorstände zu den Ersten gehörten, die gegenüber China die Alarmglocken läuteten. Und die dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die notwendige politische Unterstützung innerhalb des Verbandes für das wegweisende Grundsatzpapier aus dem Jahr 2019 zu China als „systemischen Wettbewerber“ sicherten.
Statt auf die Autobauer sollte Merz auf die deutschen Maschinenbauer hören, die mittlerweile chinesische Konkurrenz als lebensbedrohlich wahrnehmen und die weitgehende Verlagerung der Produktion nach China nicht für realistisch halten. Der führende Branchenverband VDMA drängt den Kanzler in einem aktuellen Papier zu klarer Kante gegenüber dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi. Merz solle fordern, Peking müsse „Subventionen reduzieren“, „Zombie-Unternehmen vom Markt nehmen“, „Gleichberechtigung bei öffentlichen Aufträgen sicherstellen“, „Exportkontrollen für Seltene Erden“ stoppen sowie „manipulative Niedrighaltung des Yen beenden“. Der Kanzler müsse auf notwendige Konsequenzen hinweisen, sollte es keine Verbesserungen geben: „Wenn China diese Verzerrungen nicht selbst korrigiere, werde Europa weitere eigene Maßnahmen ergreifen, um faire Wettbewerbsbedingungen wiederherzustellen.“
Das Ganze muss, wie der Hamburger Chinaforscher Stefan Messingschlager richtigerweise fordert, europäisch eingebettet passieren: „Wenn Berlin in Peking Zusagen einfordert, dann als Teil einer EU-Linie: transparent, abgestimmt, belastbar. Wer mit 30 CEOs fliegt, muss mit Brüssel sprechen, nicht an Brüssel vorbei.“ Denn nur gemeinsam hat Europa einen Hebel gegenüber Peking. Und der ist gar nicht so klein: Aufgrund der schwachen Binnennachfrage ist China auf Käufer seiner massiven Überschussproduktion angewiesen. Und die Europäische Union ist der einzig verbliebene kaufkräftige offene Markt.
This commentary was originally published by STERN on February 24, 2026.